Verzeihen (Gedicht)

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Verzeihen ist ein Gedicht von Karl May.

Text

          Verzeihen.
Vergieb, mein Herz, so wird auch dir vergeben;
  Nie trage nach; nie pflege deinen Zorn!
Es strömt aus dir im Blute mir das Leben;
  Für Andre sei ein steter Freudenborn.
Gott machte dich so reich, so reich an Habe,
  Doch meine nicht, sie sei für dich allein.
Indem du giebst, empfängst du selbst die Gabe;
  Die allerschönste aber ist – – – verzeihn.
Vergieb, mein Herz, so wird auch dir vergeben;
  Denk nicht, du stehest nicht in Andrer Schuld!
Wie lange willst du in derselben schweben?
  Wie oft verlangst du, und wie viel, Geduld?
Des Nächsten Conto hältst du aufgeschlagen
  Und stöberst seinem Soll und Haben nach;
Geh einmal hin, um bei ihm anzufragen,
  Wie's mit dem deinigen wohl stehen mag!
Vergieb, mein Herz, so wird auch dir vergeben;
  Schau doch empor, und sag, du zittrest nicht!
Du magst es noch so sehr zu leugnen streben,
  Da oben wartet deiner das Gericht.
Dann wirst du nicht nach deinem Maß gemessen,
  Nach welchem du dir so gerecht erscheinst;
Drum wolle ja die Mahnung nie vergessen:
  "Vergieb mein Herz!"   D a s   r e t t e t   d i c h   d e r e i n s t ![1]

Textgeschichte

Manuskript

Während seiner Orientreise fuhr Karl May am 19. Oktober 1899 mit der Eisenbahn von Colombo nach Point de Galle. An diesem Tag verfasste er das Gedicht, das im Manuskript noch keinen Titel hatte.[2]

Himmelsgedanken.

Am 18. Dezember 1900 erschien ein Gedichtband Mays mit dem Titel Himmelsgedanken im Verlag Friedrich Ernst Fehsenfeld.[3] In dieser Ausgabe ist das Gedicht auf Seite 56 f. enthalten. Der auf der folgenden Seite abgedruckte Aphorismus lautet:

Warum übt der Orient auf unsern Geist und unser Herz eine so große Anziehungskraft aus? Aus demselben Grunde, welcher Rückert trieb, sein Lied "Aus der Jugendzeit" zu dichten.[4]

Nachdruck

Caspar Schwarz, der Präsident des Katholischen Schulvereins für Österreich, bat Karl May am 24. August 1909 brieflich für die Erlaubnis zum kostenlosen Nachdruck des Gedichts in der Vereinsgabe.[5] May gestattete dies wohl, denn Schwarz dankte ihm dafür am 23. November.[6] Ob und wann das Gedicht in der Vereinsgabe abgedruckt wurde, ist nicht bekannt.

Vertonungen

2006 wurde in Dresden Günter Neuberts Oratorium Wo der Herr nicht das Haus baut uraufgeführt. Es enthält eine Komposition zu Verzeihen mit dem Titel Gnade.

aktuelle Ausgaben

Anmerkungen

  1. Karl May: Himmelsgedanken, S. 56 f.
  2. Hans Wollschläger/Ekkehard Bartsch: Karl Mays Orientreise 1899/1900. Dokumentation. In: Jb-KMG 1971, S. 165–215 (S. 187 f.). (Onlinefassung)
  3. Hainer Plaul/Gerhard Klußmeier: Illustrierte Karl-May-Bibliographie, S. 244.
  4. Karl May: Himmelsgedanken, S. 58.
  5. Dieter Sudhoff/Hans-Dieter Steinmetz: Karl-May-Chronik IV. Sonderband zu den Gesammelten Werken. Karl-May-Verlag Bamberg–Radebeul 2005, S. 554. ISBN 978-3-7802-0170-6.
  6. Sudhoff/Steinmetz: Karl-May-Chronik IV, S. 586.

Weblinks