1901 (Gedicht)

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1901 ist ein Gedicht von Karl May.

Text

          1901.
Schließ auf das Thor; laß seine Flügel springen;
  Zünd deine Leuchte an in allen Landen!
Mir ist, als hörte ich den Ruf erklingen,
  Es sei der Tod zum Leben auferstanden.
Breit deine Fluren aus und deine Pfade;
  Laß deine Wasser klar und freundlich fließen,
Und von dem Himmel möge sich die Gnade
  Auf Alles, was die Erde trägt, ergießen.
Schließ auf das Thor; es tritt die Menschheit ein;
O, laß ihr diesen Schritt gesegnet sein!
Schließ auf den Schrein, vor dem wir betend knieen,
  Dem wir die Liebe, die Verehrung zollen,
Die wir auf seinen Inhalt doch beziehen
  Und nicht dem Menschenwerke widmen sollen!
Laß uns erkennen, was wir nicht erkannten,
  Weil uns der Geist die Seele stets verhehlte;
Laß uns verstehen, was wir nicht verstanden,
  Weil uns die wahre Liebe nicht beseelte.
Schließ auf den Schrein, und zeig, was er enthält,
Daß mit dem Schleier auch der Irrthum fällt!
Schließ auf die Herzen; nirgends stehn sie offen,
  Denn jedes will nur für sich selbst empfinden,
Und doch ist es ihr eignes, schönstes Hoffen,
  Daß sie in Liebe sich zusammenfinden!
Laß diese Liebe endlich doch erwachen
  Und aus dem Ich heraus ins Leben steigen,
Die Menschen zur gesammten Menschheit machen
  Und sich als Seele dieses Leibes zeigen.
Schließ auf die Herzen; lehre sie verstehn,
Daß alle Pulse nur als einer gehn!
Schließ auf das Paradies; gieb es uns wieder!
  Wir wollen heim; wir wollen Frieden halten.
Der Vater ist das Haupt; wir sind die Glieder;
  Nur seine Güte soll im Hause walten.
Sei du die Zeit, die uns um ihn versammelt,
  Zeig uns der Worte köstlichstes auf Erden,
Das unsre Bitte um Versöhnung stammelt,
  Dann wirst du eine Zeit des Edens werden.
Schließ auf das Paradies, das Gottesland,
Und sei uns zur Erleuchtung zugesandt![1]

Textgeschichte

Am 18. Dezember 1900 erschien ein Gedichtband Mays mit dem Titel Himmelsgedanken im Verlag Friedrich Ernst Fehsenfeld.[2] In dieser Ausgabe ist das Gedicht auf den Seiten 358 und 359 enthalten. Der auf der folgenden Seite abgedruckte Aphorismus lautet:

Wenn der Mensch sich gewöhnen wollte, Alles von dem ihm möglich höchsten Gesichtspunkte aus zu betrachten, so würde das Leben ihm ganz anders erscheinen und seine Welt eine viel reinere und glücklichere werden.[3]

aktuelle Ausgaben

Anmerkungen

  1. Karl May: Himmelsgedanken, S. 358 f.
  2. Hainer Plaul/Gerhard Klußmeier: Illustrierte Karl-May-Bibliographie, S. 244.
  3. Karl May: Himmelsgedanken, S. 360.

Weblinks