Blind und doch sehend (Gedicht)

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Blind und doch sehend, auch Blind genannt, ist ein Gedicht von Karl May.

Text

      Blind und doch sehend.
Die Sonne krönt den goldnen Tag;
  Der Abend nennt die Sterne sein;
Wo nur ein Aug sich öffnen mag,
  Glänzt ihm ein Licht, ein Himmelsschein.
Doch all die Wonne, all die Pracht,
  Mein todter Blick erfaßt sie nicht;
In meines Daseins dunkler Nacht
  Giebts keine Sonne, giebts kein Licht.
Mein Gott und Vater, nahmst du mir
  Der Erde schönstes, freistes Gut,
So ruf ich flehend auf zu dir
  Um deinen Schirm, um deine Hut.
Hör mein Gebet; vernimm den Schrei;
  Ich bin dein Kind; verstoß mich nicht.
O halt mich fest, Herrgott, und sei
  Du meine Sonne, du mein Licht!
Wie wird mir doch? Es tagt und tagt
  Mir in des Herzens Nacht hinein,
Und eine Stimme in mir sagt:
  "Der Herr der Welt erbarmt sich dein!"
Es wird die Seele mir so weit;
  Nun bin ich still und zage nicht,
Denn du, o Allbarmherzigkeit,
  Bist meine Sonne, bist mein Licht![1]

Textgeschichte

Manuskript

Im Nachlass Karl Mays fand sich das Manuskript zu diesem Gedicht, das hier mit dem Titel Blind versehen ist. Es trägt die Aufschrift

Redlich-Haus, d[en] 22./3. [18]97
Kaisers 100jähriger Geburtstag.

Ebenfalls überliefert ist der Anfang einer Vertonung des Gedichts durch May.[2]

Himmelsgedanken

Am 18. Dezember 1900 erschien ein Gedichtband Mays mit dem Titel Himmelsgedanken im Verlag Friedrich Ernst Fehsenfeld.[3] In dieser Ausgabe ist das Gedicht auf den Seiten 114 und 115 enthalten. Der auf der folgenden Seite abgedruckte Aphorismus lautet:

Auch die innere Welt hat ihre Centrifugal- und ihre Centripedalkraft: das Gute, welches nach oben, und das Böse, welches nach unten strebt.[4]

Vertonungen

2006 wurde in Dresden Günter Neuberts Oratorium Wo der Herr nicht das Haus baut uraufgeführt. Es enthält eine Komposition zu Blind und doch sehend mit dem Titel Übertretungen.

aktuelle Ausgaben

Anmerkungen

  1. Karl May: Himmelsgedanken, S. 114 f.
  2. Lorenz: Vermischtes, S. 436.
  3. Hainer Plaul/Gerhard Klußmeier: Illustrierte Karl-May-Bibliographie, S. 244.
  4. Karl May: Himmelsgedanken, S. 116.

Literatur

Weblinks