Marienkalendergeschichten

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Karl Mays Marienkalendergeschichten sind eine Reihe kürzerer Reiseerzählungen, die sich durch eine stärkere religiöse Färbung von seinen anderen Werken dieser Gattung abgrenzen. Diese parabelartigen Erzählungen erschienen als Kalendergeschichten in Maria (Mutter Jesu) verehrenden Volkskalendern. Der Großteil wurde später in Karl May's Gesammelte Reiseromane bzw. -erzählungen aufgenommen und erschien vor allem in den Sammelbänden Orangen und Datteln und Auf fremden Pfaden. Zwei der Geschichten gehören zum Spätwerk.

Entstehung

Die ersten nachweisbaren Veröffentlichungen von May-Texten (1872) und auch viele weitere Frühwerke finden sich in Volkskalendern.[1][2] Solche waren populär, wurden billig in hohen Auflagen produziert und weit verbreitet. Dies war einer der Gründe für den hohen Bekanntheitsgrad Mays auch in den geringverdienenden Bevölkerungsschichten.[3] Die Marienkalender, die May später bediente, sind ein spezieller Zweig solcher Volkskalender. Sie sind der Verehrung der Mutter Jesu gewidmet und waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur im Süden und Westen des deutschsprachigen Raumes, sondern auch bei den deutschen Auswanderern in den USA sehr beliebt.[4]

Den Großteil seiner Reiseerzählungen hatte May im Verlag Friedrich Pustet veröffentlicht, dessen Zeitschrift Deutscher Hauschatz in Wort und Bild seit 1879 zu Mays Hauptpublikationsorganen gehörte. Um 1890 forderte der Verlag seinen zugkräftigen Autor auf, auch für seinen Regensburger Marien-Kalender zu schreiben, um diesen zu beleben. May, zu jener Zeit finanziell angeschlagen, willigte ein.[5] Daraufhin erschien im Kalender für 1891 die Erzählung Christus oder Muhammed. Die Verlagsstrategie ging auf: Mays Beiträge für diesen Kalender waren so erfolgreich, dass May auch anderen Marienkalender-Verlagen Reiseerzählungen anbot bzw. von diesen um solche gebeten wurde.[6] Darum sind viele der Geschichten als Auftragsarbeiten zu betrachten, die einen Nebenverdienst darstellten. Dies erklärt auch, warum May häufig dieselben Grundmotive in zwei Geschichten verarbeitete.[7] May schnitt seine Schriften auf die jeweilige Leserschaft zu (vgl. z. B. herkömmliche Reiseerzählungen, Jugenderzählungen und Kolportageromane). Somit ist die starke religiöse Färbung, die May diesen Erzählungen gab, auf das Gesamtniveau und die Intention der Marienkalender zurückzuführen.[8] Obwohl May Protestant war, findet sich bei ihm die eher der römisch-katholischen Kirche zugerechnete Marienverehrung. Sie ist bei ihm Ausdruck seiner Sehnsucht nach der mütterlichen Liebe, die ihm fehlte,[9] und nicht auf eine Geschäftstaktik zurückzuführen.[10]

Obwohl Christi Blut und Gerechtigkeit nicht als Kalendergeschichte veröffentlicht worden war, wies sie als erste Reiseerzählung die Anlage und Thematik der Marienkalendergeschichten auf und kann darum ebenfalls zu diesen gerechnet werden.[11] Wie auch in den herkömmlichen Reiseerzählungen zeigt sich in den späteren Geschichten die Tendenz zum Pazifismus des Spätwerks.[12] Zum eigentlichen Spätwerk selbst gehören schließlich zwei Erzählungen. Davon war Bei den Aussätzigen ursprünglich nicht als Kalendergeschichte erschienen, sondern der Verlag des Eichsfelder Marien-Kalenders hatte May solange um Text gedrängt, bis er ihm diese Erzählung zum Nachdruck überließ.[13] Die letzte Geschichte, Merhameh, ist zugleich die letzte Erzählung, die May bis zu seinem Tode 1912 vollendete.[14] Somit hatte May von Beginn bis Ende seines literarischen Schaffens in Volkskalendern publiziert.

Inhalt

Deckelbild zum Sammelband Orangen und Datteln von Sascha Schneider (1904)

Von den 19 Geschichten spielen drei im Wilden Westen (Old Cursing-Dry, Ein amerikanisches Doppelduell und Mutterliebe), eine in Südamerika (Christ ist erstanden!) und eine im fiktiven Land Ardistan (Merhameh); May nutzte vornehmlich den orientalischen Schauplatz. Der Ich-Erzähler bleibt entweder anonym oder wird als Kara Ben Nemsi bzw. Old Shatterhand vorgestellt. Während Hadschi Halef Omar in den meisten der orientalischen Geschichten mitspielt, taucht Winnetou in allen drei Wildwest-Geschichten auf. In einigen Erzählungen lässt May auch bekannte Nebenfiguren auftreten: Dick Hammerdull und Pitt Holbers, Frick Turnerstick, Kara Ben Halef, Merhameh und Omar Ben Sadek.

Die Geschichten sollen die Wahrheit und Überlegenheit des Christentums (gemäß zeitgenössischer Ansicht) zum Ausdruck bringen.[15] Dazu bediente sich May Gegensätzen: Liebe und Hass, Glaube und Unglaube, vorbildlicher Nicht-Christ und Namenschrist.[16] Auch der Islam wird in einigen Erzählungen zum Gegensatz erklärt, indem May ihn als Symbol für Andersgläubige oder negative Aspekte wie (Blut)rache und Fundamentalismus verwendete, dem gegenüber er das Christentum – vor allem unter dem Aspekt als "Religion der Liebe" – positiv hervorheben wollte. Je nach Grundmotiv der Geschichte bzw. Funktion der Figuren sind Moslems aber auch positiv oder neutral dargestellt.

May will demonstrieren, dass es keinen Zufall gibt, sondern stets göttliche Vorsehung herrscht. Oft werden aus einer Notsituation heraus die Bösewichte bekehrt oder bestraft.[17] Einige von ihnen fluchen (z. B. Ich will erblinden und zerschmettert werden)[18] und in der Folge tritt die Strafe Gottes in Form des ausgesprochenen Fluches ein. In den späteren Erzählungen löst May Konflikte gemäß seiner Tendenz zum Pazifismus eher durch Versöhnung.[19] Im Zentrum der Geschichten steht häufig eine Familie, in der ein Glaubenszwist herrscht bzw. in der ein Kind in Not gerät. Die Errettung des Kindes führt dann zur Bekehrung. Hierbei tritt der Ich-Erzähler als Missionar und Vollstrecker des göttlichen Willens auf. Erwartungsgemäß enthalten die Geschichten eine Portion Marienverehrung.[20] Hierbei bleibt May "dogmatisch korrekt-nüchtern" und ruft Maria lediglich als Fürsprecherin bei Gott an.[21]

Obwohl May sich wiederkehrend der oben genannten Elemente bediente, sind die Geschichten nach Form und Gehalt doch sehr unterschiedlich.[22] Einigen Geschichten fehlt eine vorherrschende religiöse Thematik[23] oder das Religiöse wird unaufdringlich behandelt. Sogar verschlüsselte Kritik an aufgesetztem Christentum lässt sich erkennen.[24]

Kritik

Deckelbild zum Sammelband Auf fremden Pfaden von Sascha Schneider (1904)

Lange Zeit wurden Mays Marienkalendergeschichten von den jeweiligen Interpreten verdammt.[25][26] Dabei wurde die berechtigte Kritik an einigen Geschichten für alle verallgemeinert, ohne auf die Verschiedenheit (z. B. Fehlen einer vorherrschenden religiösen Thematik oder Zugehörigkeit zum Spätwerk) einzugehen. Claus Roxin zitiert zum Beispiel Aussagen von Adolf Droop, Hans Wollschläger oder Volker Klotz, die die Strafgerichtsszenen nennen, obwohl die meisten solcher Szenen (laut Roxin Widerspiegelung von Mays Angstzuständen auf der Höhe seines Erfolges) eigentlich in Mays herkömmlichen Reiseerzählungen jener Zeit erschienen.[27] Vorwürfe, May katholisiere in seinen Marienkalendergeschichten, wurden u.a. von Ernst Seybold entkräftet bzw. widerlegt.[28] Es finden sich sogar Stellen, die protestantisches Gedankengut aufweisen.[29]

Kritisiert wird die drastische Schwarz-Weiß-Malerei und die Empfindung aufgepfropfte[r] Moral einiger Erzählungen.[30] Tatsächlich sind May nach Meinung Hermann Wohlgschafts seine gut gemeinten moralischen Ausführungen mehrfach zu plump, sehr grob und schulmeisterlich-penetrant geraten.[31] Aus heutiger Sicht fällt besonders negativ auf, dass der Islam in einigen der Geschichten abgewertet wird, um das Christentum hervorzuheben. Grundsätzlich steht May dem Islam aber nicht ablehnend gegenüber, sondern hebt die Gemeinsamkeiten hervor (z. B. Allah ist Gott), und informiert – wie Eckehard Koch befindet – über den Islam überwiegend getragen von Respekt, Humanität und Toleranz.[32] Wohl aber kritisiert er einige Aspekte: u. a. Blutrache, Heiliger Krieg, Fehlen der Botschaft von der Liebe Gottes, Fehlen des Gebotes der Feindesliebe. Daher ist für May die christliche Religion die richtige [...], da sie über den Islam "Sieger nach Punkten" ist.[33]

Die Erzählungen sind teilweise interessant und insgesamt spannend, auch humorvoll geschrieben.[34] Zudem wird von Martin Lowsky bei manchen Texten die Erzähltechnik oder das Bemühen um korrekte historische Hintergrunddarstellung hervorgehoben.[35][36][37] Obwohl einige der Erzählungen eher negativ auffallen, hat May – wie Claus Roxin bekundet – teilweise vortreffliche [Marien-]Kalendergeschichten verfasst.[38]

Bibliografie

Fast alle Geschichten erschienen – meist illustriert – zunächst im Regensburger Marien-Kalender (ab 1890, parallel dazu im Tiroler Marien-Kalender), in Benziger's Marien-Kalender (parallel dazu im Kevelaerer Marien-Kalender) und im Eichsfelder Marien-Kalender (jeweils ab 1892) sowie im Einsiedler Marien-Kalender (ab 1896). Folgende Jahreszahlen beziehen sich auf das Erscheinungsjahr, welches dem Kalenderjahrgang vorausging. Zudem ist die spätere Buchausgabe der Gesammelten Reiseromane bzw. -erzählungen (GR) angegeben.

Benziger's Marien-Kalender
Einsiedler Marien-Kalender

Regensburger Marien-Kalender

Benziger's Marien-Kalender

Eichsfelder Marien-Kalender

Einsiedler Marien-Kalender

Nicht als Kalendergeschichte erschienen

Buchausgaben

Im Band Orangen und Datteln (1893) versammelte May die ersten Geschichten zusammen mit den beiden herkömmlichen Reiseerzählungen Unter Würgern (1879, GR 10,1 = Die Gum) und Der Krumir (1882, GR 10,3). Diesem folgte 1897 mit Auf fremden Pfaden ein weiterer Sammelband, der auch die beiden Erzählungen Saiwa tjalem (1883, GR 23,1) und Der Boer van het Roer (1879, GR 23,2) enthält. Obwohl die Marienkalendergeschichten den Großteil in den beiden Anthologien ausmachen, ist es jeweils eine der herkömmlichen Reiseerzählungen, die als bedeutendste der jeweiligen Sammlung gilt (Der Krumir bzw. Der Boer van het Roer).[39][40] Um den Hausschatz-Text der herkömmlichen Reiseerzählung Im Reiche des silbernen Löwen I–II für die Buchausgabe auf die notwendige Seitenzahl zu bringen, integrierte May zwei seiner Geschichten. Diese werden oft als Fremdkörper empfunden, die dem Gesamtkonzept schaden.[41]

Christ ist erstanden!, Mutterliebe, die Kalender-Version von Die "Umm ed Dschamahl" und die beiden Spätwerksgeschichten wurden erst nach Mays Tod in Buchform veröffentlicht. In der Leseausgabe des Karl-May-Verlages sind die Erzählungen auf die Bände Sand des Verderbens, Auf fremden Pfaden, Das Zauberwasser und Abdahn Effendi verteilt. Eine Gesamtausgabe gab die Karl-May-Gesellschaft als Reprint unter dem Titel Christus oder Muhammed. Marienkalender-Geschichten von Karl May heraus. Erste Hörbuch- bzw. Hörspiel-Adaptionen einiger der Geschichten liegen vor.

Anmerkungen

  1. Dieter Sudhoff/Hans-Dieter Steinmetz (Hrsg.): Karl-May-Chronik I. Karl-May-Verlag BambergRadebeul 2005, S. 182. ISBN 3-7802-0170-4
  2. Hainer Plaul: Illustrierte Karl-May-Bibliographie. Unter Mitwirkung von Gerhard Klußmeier. Saur MünchenLondonNew YorkParis 1989. ISBN 3-598-07258-9
  3. Michael Petzel/Jürgen Wehnert: Das neue Lexikon rund um Karl May. Lexikon Imprint Verlag Berlin 2002, S. 213. ISBN 3-89602-509-0
  4. Meier: Vorwort, S. 11.
  5. Meier: Vorwort, S. 17.
  6. Meier: Vorwort, S. 23.
  7. Lorenz: Vom Haß zur Liebe, S. 112 f.
  8. Lorenz: Vom Haß zur Liebe, S. 98 f.
  9. Walter Schönthal: Christliche Religion und Weltreligionen in Karl Mays Leben und Werk. Sonderheft der Karl-May-Gesellschaft Nr. 5/1976, S. 14–16. (Onlinefassung)
  10. Seybold: Wie katholisch ist May in seinen Marienkalendergeschichten?, M-KMG Nr. 45/1980, S. 40.
  11. Meier: Vorwort, S. 23.
  12. Lorenz: Vom Haß zur Liebe, S. 121 f.
  13. Meier: Vorwort, S. 20 f.
  14. Ekkehard Bartsch: Merhameh. In: Ueding: Handbuch, S. 431 f.
  15. Petzel/Wehnert: Das neue Lexikon rund um Karl May, S. 213.
  16. Lorenz: Vom Haß zur Liebe, S. 116 f.
  17. Eckehard Koch: Auf fremden Pfaden. In: Ueding, Handbuch, S. 222–227.
  18. Karl May: Gott läßt sich nicht spotten. In: Auf fremden Pfaden. Verlag von Friedrich E. Fehsenfeld Freiburg i. Br. 1897. S. 564. (Onlinefassung)
  19. Lorenz: Vom Haß zur Liebe, S. 116–122.
  20. Petzel/Wehnert: Das neue Lexikon rund um Karl May, S. 213.
  21. Seybold: Wie katholisch ist May in seinen Marienkalendergeschichten?, M-KMG Nr. 45/1980, S. 40.
  22. Hermann Wohlgschaft: Karl May – Leben und Werk. Drei Bände. Bücherhaus Bargfeld 2005, S. 888–898. ISBN 3-930713-93-4.
  23. Lorenz: Vom Haß zur Liebe, S. 115.
  24. Eckehard Koch: Auf fremden Pfaden. In: Ueding: Handbuch, S. 222–227.
  25. Claus Roxin: "Dr. Karl May, genannt Old Shatterhand". Zum Bild Karl Mays in der Epoche seiner späten Reiseerzählungen. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1974, S. 15–73 (S. 60). (Onlinefassung)
  26. Meier: Vorwort, S. 7.
  27. Roxin: "Dr. Karl May", S. 60.
  28. Seybold: Wie katholisch ist May in seinen Marienkalendergeschichten?, M-KMG Nr. 44/1980, S. 26-30, M-KMG Nr. 45/1980, S. 38-42 und M-KMG Nr. 46/1980, S. 40-46.
  29. Seybold: Wie katholisch ist May in seinen Marienkalendergeschichten?, M-KMG Nr. 46/1980, S. 41.
  30. Meier: Vorwort, S. 7.
  31. Wohlgschaft: Karl May, S. 888–898.
  32. Eckehard Koch: Zwischen Manitou, Allah und Buddha. Die nichtchristlichen Religionen bei Karl May. In: Dieter Sudhoff (Hrsg.): Zwischen Himmel und Hölle. Karl May und die Religion. Karl-May-Verlag Bamberg–Radebeul 2003, S. 179–188.
  33. Schönthal: Christliche Religion, S. 29–33.
  34. Koch: Auf fremden Pfaden, S. 222–227.
  35. Martin Lowsky: Orangen und Datteln. In: Ueding: Handbuch, S. 183–187.
  36. Bartsch: Merhameh, S. 431 f.
  37. Koch: Auf fremden Pfaden, S. 222–227.
  38. Roxin: "Dr. Karl May", S. 60.
  39. Lowsky: Orangen und Datteln, S. 183–187.
  40. Koch: Auf fremden Pfaden, S. 222–227.
  41. Wohlgschaft: Karl May, S. 1070 f.

Literatur

Weblinks

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