Zweite Vagantenzeit

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Das Selbmann-Haus - hier wohnte May bei seinen Eltern in Ernstthal

Karl Mays zweite Vagantenzeit begann im März 1869.

Vorgeschichte

Nach seiner Haftentlassung 1868 kehrte er in seine Heimatstadt Ernstthal zurück und bemühte sich um seriöse Arbeit (Schriftstellerei), wurde aber von seinen Ernstthaler Mitbürgern mit Argwohn beobachtet. Er selbst schrieb 1910:

Es hatte irgendwo einen Einbruch gegeben. Jedermann sprach von ihm. Der Täter war entkommen. Bald gab es wieder einen, in derselben Weise ausgeführt. Dazu kamen einige Schwindeleien, wahrscheinlich von herabgekommenen Handwerksburschen in Szene gesetzt. Ich hörte gar nicht hin, als man es erzählte, bemerkte aber nach einiger Zeit, daß Mutter noch ernster als gewöhnlich war und mich, wenn sie glaubte, unbeobachtet zu sein, so eigentümlich mitleidig betrachtete. Ich blieb anfänglich still, glaubte aber sehr bald, sie nach dem Grunde fragen zu müssen. Sie wollte nicht antworten; ich bat aber so lange, bis sie es tat. Es zirkulierte ein Gerücht, ein unfaßbares Gerücht, daß ich jener Einbrecher sei. Wem sollte man es zutrauen, als mir, dem entlassenen Gefangenen? (Mein Leben und Streben, S. 161)

Daraufhin verließ er Ernstthal wieder und beging erneut etliche Straftaten, die denen seiner ersten Vagantenzeit grundsätzlich ähnelten, aber wesentlich aufwändiger umgesetzt wurden – wobei die Beute selten in einem "angemessenen" Verhältnis zum betriebenen Aufwand stand.

Delikte

Ende März 1869 ist May in Wiederau und sucht als Polizeilieutenant von Wolframsdorf aus Leipzig bei dem Gastwirt Carl Friedrich Reimann nach Falschgeld. Er beschlagnahmt zehn Taler (in Form eines Kassenscheins) und eine angeblich gestohlene, vergoldete Uhr. Er eskortiert den Mann nach Claußnitz, wo May sich absetzt. Umgehend wird ein Steckbrief erstellt.

In Ponitz bei Meerane taucht May am 10. April 1869 auf. Er ist Mitglied der geheimen Polizei und fahndet erneut nach Falschgeld. Bei dem Seilermeister August Krause wird er fündig, beschlagnahmt 23 Taler Courantbillets und 7 Taler in bar und bringt den Mann nach Crimmitschau. Auf dem Weg dorthin will May sich bei Frankenhausen absetzen. Der Mann schöpft aber Verdacht und verfolgt ihn. May wirft die Beute von sich und kann nur mit Hilfe eines (vermutlich ungeladenen) "Doppel-Terzerols" entkommen. Dabei verliert er eine Pappkarte mit der Aufschrift Julius Metzner, Oberlungwitz, die die Polizei auf seine Spur führt.

Ein weiterer Steckbrief wird erstellt. Erstmals gerät der entlassene Sträfling May konkret in Verdacht und Haftbefehl wird gegen ihn erlassen. Seine Eltern informiert May per Boten darüber, dass er die Absicht habe, mit Vater und Sohn Burton nach Amerika zu reisen. In Bremen muss er allerdings wegen Passschwierigkeiten umkehren – falls die Erzählung überhaupt stimmt.

Anfang Mai wird er in Jöhstadt, einer Stadt im sächsischen Erzgebirge an der Grenze zu Böhmen, gesehen.

Anschließend taucht er teilweise in und um Ernstthal auf und unter. Die Eisenhöhlen dienen ihm u. a. Ende Mai als Zuflucht. Von seiner Schwester Auguste Wilhelmine Hoppe, dem Bruder seines Schwagers, Johann Ferdinand Hoppe, seinem Vater und seinem Paten Christian Weißpflog wird er versorgt. Um nicht in den Verdacht der Begünstigung zu geraten, muss letzterer May anzeigen.

In Limbach stiehlt May Ende Mai einen Satz Billardkugeln, die er in Chemnitz für 5 Taler über einen Mittelsmann verkauft. Anfang Juni ist er in Bräunsdorf (in der Nähe von Limbach) und klaut ein Pferd aus dem Stall einer Wirtschaft (da May auf dem Pferd reitend gesehen wurde,[1] ist das der - bisher - einzige nachgewiesene Kontakt zwischen May und einem Ross. Allerdings behält der spätere Old Shatterhand den Braunen nicht, sondern verkauft ihn an einen Pferdeschlächter). Ein neuer Steckbrief wird erstellt. Karl May ist diesmal nicht sofort unter Verdacht.

In Mülsen St. Jacob bei Zwickau gibt sich May als Expedient des Advocaten Dr. Wilhelm Michael Schaffrath in Dresden aus. Er lädt den Bäckermeister Christian Anton Wappler und dessen drei Söhne ein, wegen einer Erbschaftsangelegenheit nach Glauchau zu gehen. Während die Herren sich hoffnungsvoll auf den Weg machen, kehrt May um, sucht die zurückgebliebenen Frauen auf, "outet" sich als "höherer Beamter der geheimen Polizei" und konfisziert 28 Taler "Falschgeld". Der neue Steckbrief nennt auch den Verdacht auf die Identität des Gesuchten mit Karl May – und zieht eine Verbindung zu dem Pferdediebstahl in Bräunsdorf.

Karl May verbringt einige Nächte in Ernstthal (u. a. in der Schankwirtschaft Engelhardt), wo er Anfang Juli entdeckt wird. Er wird verhaftet und nach Mittweida überführt. In seinem Besitz befinden sich ein geladenes Doppel-Terzerol und eine gefälsche Legitimation auf den Namen Anton Clemens Laube.

Polizeibericht über die (nur kurzfristige) Verhaftung Mays

Von Mittweida aus wird Karl May an die Stätten seiner Untaten zurückgebracht, damit seine Opfer ihn identifizieren können. Auf dem Weg zu einem dieser Lokaltermine gelingt Karl May die Flucht. In der Nähe von Kuhschnappel zerbricht er am 26. Juli seine eiserne Handfessel und flieht aus dem Zug in den Wald. Er erreicht die Eisenhöhlen, wo er sich erneut verbirgt.

Es werden hektisch neue Steckbriefe angefertigt.

Im Spätsommer und Herbst 1869 hält sich May vermutlich bei Malwine Wadenbach in der Nähe von Halle auf. Dort nennt er sich einen Schriftsteller Heichel aus Dresden und gibt an, ein natürlicher [= außerehelicher] Sohn des Prinzen von Waldenburg zu sein.

Im Dezember reist Karl May durch das Fürstentum Coburg-Gotha und ist einige Zeit in Coburg selbst. Er wandert weiter durch Bayern nach Böhmen.

Verhaftung

Anfang Januar 1870 wird Karl May in Nieder-Algersdorf als ausweisloser Fremder im Schlaf aufgegriffen. Er wird umgehend nach Bensen[2] gebracht und dort vernommen. Eine weitere Vernehmung findet am 5. Januar in Tetschen statt. May gibt an, er heiße Albin Wadenbach und sei ein reicher Pflanzer aus Martinique, der nur durch einen unglücklichen Zufall weder Geld noch Ausweispapiere bei sich führe. Mit dieser – durch weitere Details ausgeschmückten – Story hält May die böhmischen Beamten vier Wochen lang auf Trab. Die böhmische Polizei wendet sich hilfesuchend an die Kollegen in Dresden. Steckbriefe und ein Foto werden veröffentlicht und die Chemnitzer Polizei identifiziert den Strolch Anfang Februar durch das Foto als den gesuchten Karl May aus Ernstthal. Die böhmische Polizei sagt Karl May nicht, dass er enttarnt sei und lässt ihn stattdessen Briefe an "Verwandte" und ein Bankhaus in Leipzig schreiben. Diese Briefe gelangen direkt in die Akten.

Das Bezirksgericht in Mittweida

Mitte März wird May nach Mittweida gebracht. Dort gesteht er endlich vollständig.

Am 13. April wird er vom Bezirksgericht Mittweida in öffentlicher Hauptversammlung wegen einfachen Diebstahls, ausgezeichneten Diebstahls, Betruges, und Betruges unter erschwerenden Umständen, Widersetzung gegen erlaubte Selbsthilfe und Fälschung bez. mit Rücksicht auf seine Rückfälligkeit [...] mit Zuchthausstrafe in der Dauer von 4 Jahren belegt.

Ein Gnadengesuch Mays wird ebenso wie zwei Berufungsschreiben abgelehnt und May tritt am 3. Mai 1870 seine Strafe im Zuchthaus Waldheim an.

siehe auch

Anmerkungen

  1. Karl-May-Chronik I, S. 157.
  2. Bensen, heute Benešov nad Ploučnicí in Tschechien

Literatur