Der Chodem

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Der Chodem

Der Chodem, auch (Die) Offenbarung, Das Gewissen oder Der Astralmensch genannt, ist ein schwarz-weißes Ölbild von Sascha Schneider.

Geschichte

Das Bild wurde 1904 im Format 237 x 210 cm mit Tempera, Öl und Kohle auf Leinwand fertiggestellt. Dabei handelt es sich um eine Auftragsarbeit für Karl Mays Empfangssalon der Villa "Shatterhand" in Radebeul.

In ihrem Tagebuch schrieb Klara May (am oder kurz nach dem 17. Oktober 1903):

Herzle [= Karl May] sinnt darüber nach, wie er dem lieben, in recht bedrückter Lage befindlichen Künstler helfen kann.Die Bilder, die Schneider da hat, können wir ihm nicht abkaufen. Sie sind zu groß. Er soll einen Auftrag erhalten. An dem schönen Künstlerabend bei Kreis bestellte Herzle dem lieben Schneider eine Arbeit für 3.000 Mk. und stellte ihm den Betrag sofort zur Verfügung. Schneider soll dafür arbeiten, was er mag und in unserem Hause den Platz bestimmen, wo sein Werk hängen soll. Es ist uns ganz gleich, ob Schneider arbeitet oder nicht, die Hauptsache ist, ihm helfen.[1]

Am 5. November 1903 schreibt Sascha Schneider an Karl May in einem Brief:

Welchen Tag nächster Woche kann ich Sie gegen Abend aufsuchen, um Ihnen die Skizze vorzulegen? Ich möchte auch noch die Wand sehen, wohin die Arbeit kommen soll.[2]

Ebenso am 7. Februar 1904:

Wann sehe ich Sie wieder hier?[3] Bild bald fertig.[4]

Am 8. März erwähnt Klara May das Gemälde wiederum in ihrem Tagebuch:

Bei Schneider. Herzle zahlte 1.500 Mk. à Conto für unser bestelltes Bild. Schneider klagte, als wir ihn zuletzt sahen. Wir wollen ihm helfen wie und wo wir können.[5]

Im Brief Schneiders an Karl May vom 26. März findet das Bild ebenfalls Erwähnung:

Morgen arbeite ich von Morgen bis Abend, denn 28ten muss die Offenbarung fertig sein.

Dies ist ihm offenbar gelungen, das Bild wurde fertig gestellt und dem Ehepaar May übergeben. Im gleichen Jahr 1904 wurde Der Chodem als Leihgabe Mays bei der großen Kunstausstellung in Dresden gezeigt.

Eine letzte Erwähnung innerhalb des Briefwechsels findet sich in Schneiders Brief an Karl May vom 23. Juli 1905:

Das Photo von meinem Bilde ist ausserordentlich gut! Wer hat das gemacht? Raupp? Ich sehe, es fehlt dem Bilde nichts und bin deshalb sehr beruhigt. Kann ich noch einen sorgfältigen Abzug, auch sorgfältigst verpackt erhalten, um ihn für die Monographie[6] zu benützen? Ich wäre für Zusage, wie Zusendung sehr dankbar.[7]

Am 15. Juni 1917 schrieb Sascha Schneider an Rudolf Beissel, der ihn um ein May-Porträt für das erste Karl-May-Jahrbuch gebeten hatte, dass er dieser Bitte nicht nachkommen kann. Statt dessen empfiehlt er:

Ich möchte Ihnen zur Reproduction des grossen Bildes von mir bei Mays raten.[8] Sie kennen es gewiss, ich gebe Ihnen ein Photo bei. Dies Bild gibt ebenfalls den Grundgedanken Mays wieder: Die überwältigende Erscheinung des Metaphysischen.[9]

Das Ölgemälde Der Chodem kam nach Klara Mays Tod in den Besitz der Karl-May-Stiftung, 1959/60 in den des Karl-May-Verlags (KMV). 1960 siedelte das Bild mit dem Verlag nach Bamberg um und kehrte 1994 nach Radebeul zurück. Heute ist es Eigentum der Karl-May-Stiftung und im Radebeuler Karl-May-Museum in der Villa "Shatterhand" zu sehen.

Mitte der 1990er Jahre fand eine Restaurierung des Gemäldes statt, die den Titel "Offenbarung" auf der Rückseite des Rahmens zutage gefördert hat.[10]

Literarische Vorlage

Mit dem Chodem greift Schneider ein Motiv aus Karl Mays symbolischer Reiseerzählung Im Reiche des silbernen Löwen IV auf, nämlich die Sage vom Chodem.

Kritiken

Der Chodem im Empfangssalon der Villa "Shatterhand." Rechts daneben die Schneider-Bilder Abu Kital und Marah Durimeh.

In seiner Monographie[11] erwähnt Dr. phil. Felix Zimmermann (* 1874; † 1946), ein Feuilleton-Redakteur und Theaterkritiker der Dresdner Nachrichten, das Ölgemälde unter dem Titel Der Astralmensch. Seine Kritik gibt Annelotte Range ist ihrer Dissertation (1996) wie folgt wieder:

Felix Zimmermann [...] nennt auch May als Besitzer, doch nicht als Auftraggeber. Ausdrücklich verneint er eine "literarische Idee" als Bildquelle und sieht "die Dämonie", die sich in dem Gemälde "okkult manifestiert ... als tief verwurzelt im metaphysischen Untergrund" des Schneiderschen Geistes. Das ist eine Deutung, wie sie aus der Kartonfolge[12] schon bekannt ist.[13]

Hansotto Hatzig äußert sich 1967 in seinem Beitrag zur Karl-May-Forschung zu dem Bild folgendermaßen:

Diese Deutung, die May vom Chodem gab,[14] als Schneiders Bild noch nicht das Empfangszimmer seines Hauses zierte, wird, wie man auf den ersten Blick sieht, der Bedeutung des Schneiderschen Chodem nicht gerecht; es sei denn, man ließe die Metaphysiker beiseite und übersetzte einfach "Ich selbst". Schneiders überlebensgroßes Bild in Schwarzweiß übertrifft an Lichtwirkung und in seinem Halbhell und Halbdunkel möglicherweise alles, was die deutsche Malerei seit einem Jahrhundert hervorgebracht hatte. Besucher, die erstmals das Empfangszimmer der Villa Shatterhand betraten, sagten einmütig aus, daß ihnen das Bild – eine imaginäre Wirklichkeit vortäuschend – zunächst einen heftigen Schrecken versetzt hätte. Es dürfte gewiß sein, daß Schneider öffentlichen Ruhm und Ehre, die er mit diesem Bilde hätte ernten können, gern verschenkte, als er dieses Werk in der Villa Shatterhand vergrub, bei einem Herrn Karl May, den im Jahre 1903 maßgebliche Persönlichkeiten nur noch belächelten.[15]

In ihrer Doktorarbeit stellt Annelotte Range fest, dass das Gemälde zu den eigenwilligsten und interessantesten Schöpfungen Schneiders gehört.[16] Weiterhin führt sie – entgegen der Deutung Zimmermanns – aus:

Es scheint jedoch keine Frage zu sein, daß die "Sage vom Chodem des Menschen" den Vorwurf zu der Darstellung geliefert hat. Wie vertraut Schneider der Chodem gewesen sein mußte, geht aus einem Brief Mays vom 17. 5. 1904 hervor, in dem May diese Figur wie einen gemeinsamen Bekannten behandelte.
[...]
Das Entsetzen des Menschen vor seinem Chodem, spontanes Flüchtenwollen und auch wieder Erstarren hat Schneider in unerhörter Eindringlichkeit festgehalten. In Überlebensgröße stehen sich Mensch und Chodem gegenüber. Dem Betrachter den Rücken zuwendend, schnellt der nur mit einem Halbrock bekleidete Mann mit dem Oberkörper weit zur Seite, dem linken Fuß nach, der die Flucht schon angetreten hat, während der rechte in frontaler Stellung wie festgenagelt wirkt. Das Gesicht mit dem Arm schützend, sucht er Deckung vor der gleißenden Erscheinung, die plötzlich dicht vor ihm aufgetaucht ist, ihn starr fixierend und mit gegrätschten Armen und Beinen den Weg verlegend. Das Entsetzen des kraftvollen Mannes vor der geisterhaften Vision ist in heftige Bewegung umgesetzt. Aus dieser Spannung, die durch den Hell-Dunkel-Kontrast noch gesteigert wird, bezieht das Bild, in dem auf jegliches Beiwerk verzichtet ist, seine einzigartige suggestive Wirkung.[17]

Außerdem werden Motivparallelen zu William Holman Hunts Gemälde The Shadow of Death (1870/73) und zu Hermann Kaulbachs Zeichnung Der Mörder und sein Gewissen (1883) dargestellt.

Ardistan & Djinnistan (New York 1977)
Der Banmd zum Leipziger Symposium 2012

Hans-Gerd Röder und seine Tochter Christiane Starck schreiben in ihrer Jubiläumsausgabe zu diesem Bild:

Besuchern soll das in schwarz-weiß gehaltene Bild einen heftigen Schreck eingejagt haben. Eine sensationelle Gestaltung einer Künstlervilla im behäbigen Städtchen Radebeul![18]

Sonstiges

  • Der KMV hat 1976 ein Faksimile von Karl Mays Gedichthandschrift Das Gewissen (aus den Himmelsgedanken) herausgebracht, dem eine Reproduktion von Sascha Schneiders Der Chodem beigegeben war. Im Text dazu heißt es:
Sascha Schneiders Gemälde "Der Chodem" (auch "Der Astralmensch") von 1903, das Riesenbild in des Dichters Empfangszimmer, erhielt nicht von ungefähr schon bald die Bezeichnung "Das Gewissen". Inwieweit dabei Karl Mays gleichnamiges Gedicht unmittelbar angesprochen werden sollte, ist nicht überliefert.[19]

Anmerkungen

  1. Steinmetz/Vollmer: Briefwechsel mit Sascha Schneider, Anm. 4, S. 39.
  2. Steinmetz/Vollmer: Briefwechsel mit Sascha Schneider, S. 40.
  3. Gemeint ist Schneiders Atelier in Meißen.
  4. Steinmetz/Vollmer: Briefwechsel mit Sascha Schneider, S. 44.
  5. Steinmetz/Vollmer: Briefwechsel mit Sascha Schneider, Anm. 9, S. 50.
  6. Gemeint ist die geplante Schneider-Monographie Kuno von Hardenbergs, die nicht verwirklicht wurde.
  7. Steinmetz/Vollmer: Briefwechsel mit Sascha Schneider, S. 162.
  8. Schneiders Gemälde "Der Chodem".
  9. Steinmetz/Vollmer: Briefwechsel mit Sascha Schneider, S. 334.
  10. Range: Zwischen Max Klinger und Karl May, S. 102.
  11. Sascha Schneider. Kunstgabe 5. Verlag Die Schönheit Dresden o. J. [1923].
  12. Gemeint sind hier wohl die frühen Kartons Ein Wiedersehen, Judas Ischariot, Eins ist not, Der Triumph der Finsternis, Der Herr der Erde, Es ist vollbracht, Christus in der Hölle, Eine Vision, Der Anarchist, Der Mammon und sein Sklave, Das Gefühl der Abhängigkeit, Sein Schicksal, Um eine Seele, Gegensätze, Der Gedanke an das Unendliche, Die Genien der Geschichte, Der Gram und Der Männergesang.
  13. Range: Zwischen Max Klinger und Karl May, S. 100 f.
  14. Siehe oben: Literarische Vorlage.
  15. Hatzig: Karl May und Sascha Schneider, S. 38 f.
  16. Range: Zwischen Max Klinger und Karl May, S. 100.
  17. Range: Zwischen Max Klinger und Karl May, S. 101 f.
  18. Starck/Roeder: Sascha Schneider und Karl May, S. 7.
  19. So auch auf der Internetseite des KMV.
  20. Hartmut Vollmer: Karl Mays "Am Jenseits". Exemplarische Untersuchung zum "Bruch" im Werk. Materialien zur Karl-May-Forschung Band 7. KMG-Presse Ubstadt 1983, S. 49. (Onlinefassung)

Literatur