Sage vom Chodem

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Die Sage vom Chodem wird in Karl Mays Alterswerk "Im Reiche des Silbernen Löwen IV" erzählt. Kara Ben Nemsi und der Ustad belauschen den Anführer der Sillan, Ahriman Mirza, und der Ustad erzählt dabei diese Sage, mit deren Hilfe er den abergläubischen Ahriman Mirza in Schrecken zu versetzen beabsichtigt.

Chodem ist das persische Wort für "ich selbst". Die dortigen Metaphysiker aber bezeichnen mit diesem Worte etwas noch Anderes, ungefähr so eine Art dessen, was wir "Doppelgänger" nennen, aber in viel höherem, edlerem Sinne. Sie lehren, daß der Mensch zwar auch einen Geist besitze, den die Seele nach und nach aus den Stoffen des Körpers heraus- und emporzubilden habe, aber dieser rein menschliche Geist sei abhängig und werde geleitet von einem Geiste aus höheren Regionen, der Gott mit seinem eigenen Schicksale dafür verantwortlich sei, daß der ihm anvertraute Mensch seine Bestimmung erreiche. Dieser hohe Geist eigne sich sämtliche Aggregatszustände seines Menschen an und sei also imstande, ihm und auch Anderen persönlich zu erscheinen, und zwar ganz genau in derselben Gestalt und Kleidung wie der Betreffende selbst. Erscheine er Andern, so habe das nichts Schlimmes zu bedeuten; lasse er sich aber vor seinem eigenen Menschen sehen, so sei das ein sicheres Zeichen, daß er ihn für immer verlassen werde, also entweder [wegen] des nahenden Wahnsinns oder des zu erwartenden Todes. Denn ein Mensch, der von seinem höhern Geiste, von seinem Chodem aufgegeben wird, muß entweder sofort sterben oder in geistiger Nacht langsam versiechen.[1]

Der Ustad tritt Ahriman Mirza mit dessen Gesichtsmaske und Peitsche entgegen, dieser hält ihn deshalb für seinen Chodem und verfällt in immer mehr ausbrechenden Wahnsinn.

Anmerkungen

  1. Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen IV (GR29), Verlag Friedrich Ernst Fehsenfeld, Freiburg 1903, S. 537 f.