Henrystutzen

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Die drei Gewehre, Henrystutzen in der Mitte

Der Henrystutzen ist das legendäre Gewehr Old Shatterhands, mit dem der Held 25mal schießen kann ohne neu zu laden.

Old Shatterhands Gewehr

Old Shatterhand erhält sein Gewehr in "Winnetou II" vom Büchsenmacher Henry, ein speziell für ihn bestimmtes Exemplar einer Kleinserie. Das Gewehr verfügt über 25 Schüsse ohne Nachladen.

Im Übrigen ist Karl May ziemlich vage geblieben, was die Konstruktion dieser Wunderwaffe betrifft. Es scheint sich um ein relativ kleines Kaliber gehandelt zu haben; die Tragweite der Waffe ist gering. Wie die 25 Patronen in der Kammer untergebracht waren bzw. welche Form diese Kammer genau hatte, wird nicht klar. Darüber, wie diese Kammer transportiert wird, gibt es verschiedene Aussagen.

"... ein polygones Eisenstück, dessen Ecken er abzufeilen begann. Ich sah, daß jede Fläche desselben ein Loch hatte. [...] Dieses Eisen wird eine Kugel, welche sich exzentrisch bewegt; fünfundzwanzig Löcher darin enthalten ebensoviele Patronen. Bei jedem Schusse rückt die Kugel weiter, die nächste Patrone an den Lauf." (Karl May, Winnetou I)
Das mysteriöse Kugelschloss - Detail auf einem Gemälde von Torsten Hermann
"Der berühmte Mechanicus Henry in St. Louis construirte ein Repetirgewehr, dessen Schloß aus einer sich excentrisch bewegenden Kugel bestand, in deren Löcher 25 Patronen Platz fanden. May hatte es zu prüfen, erklärte es für ein Unicum, machte aber darauf aufmerksam, daß, falls es in vielen Exemplaren hergestellt und verkauft werde, eine rapide Ausrottung der Indianer und des Wildes die unausbleibliche Folge sei. [...] Uebrigens hat dieser Henrystutzen nichts gemein mit anderen Gewehren, welche ähnliche Namen tragen."(Briefkastenantwort im "Deutschen Hausschatz", März 1892)

Material und Behandlung des Laufes - damit er nicht heiß wird - sind Mr. Henrys Erfindung und Geheimnis.

Old Shatterhands Gewehre sind immer blitzblank geputzt, obwohl der Akt des Putzens nie erwähnt wird.

Im Roman "Im Reiche des silbernen Löwen I" wird erwähnt, dass am Henrystutzen eine Silberplatte mit dem Namen "Old Shatterhand" angebracht sei.[1]

weitere Besitzer eines Henrystutzens

In der Erzählung "Die Both Shatters" besitzt der namenlose Ich-Erzähler einen 25-schüssigen Henrystutzen, der allerdings von dem berühmten Büchsenmacher Jake Hawkins angefertigt worden sei.

»Habt keine Sorge, Master Sam! Habt Ihr von einem gewissen Jake Hawkins in St. Louis gehört?«
»Sollte meinen! Er ist ja der beste Büchsenmacher in den Staaten!«
»Nun, von ihm ist diese Büchse, dieser Henrystutzen, der fünfundzwanzig Kugeln bei nur einmal Laden schießt, und diese beiden Revolver hat er auch gemacht. Und der Mann, der sie trägt, ist zwar kein Kentucky-Shooter, aber ein Deutscher, der heut nicht seinen ersten Schuß thun würde.«

Ein weiterer Henrystutzen ist im Besitz von Friedrich von Walmy ("Die Juweleninsel"), der als Westmann Fred in Nordamerika unterwegs ist.

Seine Waffen bestanden aus einem Henrystutzen, aus dem man, ohne wieder laden zu müssen, fünfundzwanzig Schüsse thun kann, einem Bowiemesser und zwei Revolvern.[2]

Auch Karl Sternau besitzt einen Henrystutzen (und einen Bärentöter).

Karl Mays Gewehr

Im Zuge von Ausbau und Verfestigung der Old-Shatterhand-Legende wollte May natürlich auch seine Gewehre in natura vorweisen können. So kaufte er sich welche oder ließ sich welche speziell anfertigen, die seiner Beschreibung in den Reiseerzählungen möglichst nahe kamen. Karl May erhielt seinen "Henrystutzen" allerdings erst im Dezember 1902 von Oskar Max Fuchs.

Dabei handelte es sich tatsächlich aber um ein handelsübliches 18-schüssiges Winchester-Repetiergewehr (Patent Benjamin Tyler Henry, 1860, Model 1866, Seriennummer 15 075), das Fuchs über die Schweiz importiert hatte.

Karl May besaß zu seinen Gewehren keine Munition. Dies war ihm wegen seiner Vorstrafen verwehrt

Der Henrystutzen im Kontext der "Old-Shatterhand-Legende"

Zu einer Leseraudienz in Wien während der Rundreise 1898 ist folgender Bericht überliefert:

Über den Henrystutzen wußte er [Karl May] zu vermelden, daß dieser in Wahrheit nicht von Henry, sondern von ihm, May, erfunden und angefertigt worden sei. [3]

Von einem früheren Lesertreffen in München während der Rundreise 1897 hat Ernst Weber den folgenden Dialog wiedergegeben (der Inhaltskern ist dabei durch eine zweite Quelle bestätigt[4]):

"Gestatten Sie eine Frage, Herr Doktor", bemerkte ein Herr aus unserer Gesellschaft, als Karl May auf seinen Stutzen zu sprechen kam, "Sie erzählen da, daß Sie fünfundzwanzigmal schießen, ohne zu laden. Das ist nur bei einem Magazingewehr möglich. Ihr Henrystutzen ist keines, wie die Photographie zeigt. Ihre Behauptung scheint mir darum unmöglich".

Old Shatterhand lächelte ironisch: "Das verstehen Sie nicht, mein Herr!"

"Bitte, ich bin Offizier, Beamter der Artillerie-Werkstätte, und die Beschäftigung mit allen möglichen Schußwaffen ist mir Lebensberuf."

"Mag sein! Sie können in Ihrem Beruf ja ganz tüchtig sein; meinen Henrystutzen begreifen Sie darum doch nicht. Das ganze Geheimnis liegt zwischen Lauf und Laufmantel. Vielleicht erfahren Sie einmal später davon. Ich habe nur noch zwei große Lebenszwecke zu erfüllen: eine Mission bei den Apatschen, deren Häuptling ich bin, und eine Reise zu meinem Halef, dem obersten Scheik der Haddedihn-Araber. Dann aber werde ich vor den deutschen Kaiser treten: 'Majestät, wir wollen einmal miteinander schießen.' Ich werde ihm meinen Henrystutzen vorführen. Derselbe wird in der gesamten deutschen Armee eingeführt werden, und kein Volk der Erde wird dann je den Deutschen widerstehen können". [5]

Später griff Karl May Weber in seinem offenen Brief An den Dresdner Anzeiger heftig an. Zum wiedergegebenen Dialog schrieb May:

Diesen Gründen ist es wohl auch zuzuschreiben, daß er [Weber] einem damals, allerdings aber doch in ganz anderer Weise stattgehabten Gespräch dann später eine Bearbeitung gegeben hat, die seinen Zwecken entsprechender ist als das Original, welches er um seiner selbst und ebenso auch um des angeblichen Offiziers willen gar nicht erzählen dürfte. Jeder Sachverständige weiß, daß ein so vielschüssiges Gewehr kein Magazingewehr, sondern nur ein Paternosterlader[6] sein kann. Der angebliche Offizier war also in Wirklichkeit kein Offizier, sonst müßte er noch heute über die ihm gewordene Abfuhr erröten, sondern höchstens ein Berichterstatter mit einem Honorar von 10 Pfennigen die Zeile. Und welch ein bedeutender Teil dieser Abfuhr für Herrn Weber selbst bestimmt war, das scheint er sogar heute noch nicht zu wissen. Die Anrempelung des Kaisers: »Majestät, wir wollen einmal mit einander schießen« geht so hoch über jede irdische Möglichkeit hinaus, daß sie am besten gar nicht erfunden worden wäre![7]

In Winnetou IV nahm sich May dieser Angelegenheit noch einmal an:

Ja, man hat mich ausgelacht, wenn ich von fünfundzwanzig Schüssen sprach. Es hat sogar kluge, sehr kluge Menschen gegeben, welche mich dieses Gewehres wegen einen Lügner und Schwindler nannten, obgleich sie von Handfeuerwaffen und vom Schießen so wenig verstanden, daß es mich geradezu erbarmte. Nun aber ist es schon lange her, daß ich nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar übertroffen worden bin. In Italien erfand Major Cei-Rigotti ein fünfundzwanzigschüssiges Armeegewehr, und dem englischen Kriegsminister wurde sogar ein achtundzwanzigschüssiges, welches 3100 Meter weit trägt, von einem schottischen Erfinder vorgelegt. Uebrigens wird dieser Stutzen zu seiner Zeit genau denselben Weg gehen, den jetzt Winnetous Silberbüchse geht.[8]

Günter Scholdt bewertet die Tatsache, dass May eine solche Episode noch im Spätwerk in einer "Textstelle, die nun in keiner Ebene und durch keine interpretatorische Rabulistik mehr zu retten ist" aufgriff, als ein starkes Indiz für die Kontinuität von Mays Werk und Persönlichkeit.[9]

Sonstiges

Zum realen Gewehr siehe Henry-Rifle und Cei-Rigotti.

Anmerkungen

  1. K. May: Im Reiche des silbernen Löwen, S. 29.
  2. K. May: Die Juweleninsel. KMW-II.2, S. 394.
  3. Claus Roxin: »Dr. Karl May, genannt Old Shatterhand«. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1974, S. 29
  4. Roxin 74, Endnote 43 und S. 23.
  5. Ernst Weber: Karl May. Eine kritische Plauderei. In: Zur Jugendschriftenfrage, Leipzig 1903. Zitiert nach: Roxin 74, S. 24-25.
  6. Paternosterlader scheint ein Mayscher Neologismus zu sein.
  7. Karl May: An den Dresdner Anzeiger, 12.11.1904. Abgedruckt in Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1972/73, S. 131.
  8. Karl May: Winnetou IV. In: Karl Mays Werke, S. 68320 f. (vgl. KMW-V.7, S. 183).
  9. Günter Scholdt: Vom armen alten May. Bemerkungen zu "Winnetou IV" und der psychischen Verfassung seines Autors. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1985 (Onlinefassung), S. 140 f.

Literatur

Weblinks