Old-Shatterhand-Legende

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Old-Shatterhand-Legende nennt man die zunehmende Identifikation zwischen dem Autor Karl May und dem "Ich" seiner (Reise-)Erzählungen - im Wilden Westen Old Shatterhand genannt, im Orient Kara Ben Nemsi.

Anfänge und Entwicklung

Die Entwicklung dieser "Legende" war fließend. Waren die Anfänge kaum von dem unterscheidbar, was auch bei anderen in der Ich-Form schreibenden Autoren "üblich" war, so kamen im Laufe der Zeit immer mehr Eigenheiten hinzu, die dies bei Karl May einzigartig machen sollten.

In der Erzählung "Unter Würgern" (1879 im Deutschen Hausschatz) erwähnt der Ich-Erzähler erstmals, dass er von seinem Gefährten Emery Bothwell zuweilen "Old Shatterhand" genannt würde. Außerdem wird berichtet, dass der Ich-Erzähler Sachse sei und mit Vornamen Karl heiße.

In "Deadly dust" (1880, ebenfalls im Deutschen Hausschatz) ist der Kriegsname des Ich-Erzählers bereits berühmt; und dieser erwähnt, dass er vor kurzem den "Waldläufer" von Ferry übersetzt habe.

Einem Leser wird im Mai 1880 von der Hausschatz-Redaktion mitgeteilt: "Gegenwärtig reist er [May] in Rußland ..." Die nächste Erzählung im Hausschatz, "Der Brodnik", spielt tatsächlich in Russland. Überhaupt werden vom Hausschatz alle drängenden Leserbriefanfragen nach Fortführung der Erzählungen mit Hinweisen auf die Reisetätigkeit des Verfassers beantwortet. 1881 legt der Hausschatz nochmal nach: "Der Verfasser der Reise-Abenteuer hat alle Länder, welche der Schauplatz seiner Erzählungen sind, selbst bereist [...] mit einem Messerstich als Andenken."[1]

Im Verlaufe des Orientzyklus' – in dessen erstem Teil der Ich-Erzähler seinen Vornamen "Karl" nennt – wird zusehends deutlicher, dass Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand als identisch aufzufassen sind. Bewaffnung, Herkunft, Vorname etc. sind dieselben, obwohl erst nach mehreren hundert Seiten der Ich-Erzähler beide Gewehre Old Shatterhands "erhält". Für die Buchfassung hat May außerdem Stellen, in denen allzu deutlich auf die sächsische Herkunft des Ich-Erzählers hingewiesen wurde, wieder gestrichen.

Im Oktober 1889 glaubt ein Leser des "Guten Kameraden", den wahren Namen Old Shatterhands, Karl May, erraten zu haben. May bestätigt dies auf einem Zettel, der weder abgedruckt noch abgeschickt wurde.[2] Aus den Jugenderzählungen, die im "Guten Kameraden" erschienen sind, lässt sich eigentlich eine solche Identität nicht herauslesen.

Im ersten Band der Surehand-Trilogie werden 1894 autobiografische Details (wie die angebliche frühkindliche Blindheit, die Großmutter sowie eine Schwester namens Pauline) ohne näheren Bezug zur Handlung eingebunden.

Mit "Satan und Ischariot" (1893), wo der Ich-Erzähler im Wilden Westen als "Old Shatterhand" auftritt, in den Nahen Osten reist und dort "Kara Ben Nemsi" ist, vom Gefährten Emery Bothwell als "Charley" angesprochen wird, Schriftsteller von Beruf ist, zu Hause in Dresden als "Doktor" angeredet wird, stellt der Autor für aufmerksame Leser klar, dass seine Ich-Erzähler untereinander identisch sind. Die Legende ist perfekt - und der fiktive Doktortitel war auch gleich miteingebaut.

Höhepunkt

Der Old Shatterhand in dieser Illustration sieht Karl May doch ziemlich ähnlich.
Karl May als Old Shatterhand 1896

In den neunziger Jahren blieb die schriftstellerische Leistung Karl Mays - quantitativ gesehen - hinter dem gigantischen Werk der früheren Jahre zurück. So fand er noch Zeit für umfangreiche Korrespondenzen, für persönliche Kontakte, für Besucher in seiner Villa, für ausgedehnte Reisen in den Jahren 1897 und 1898. Die Leser wollten zu ihrem Abgott in unmittelbare Beziehung treten. Das erreichte - um 1896 - Formen und Auswüchse, für die die Bezeichnung 'grotesk' noch gelinde ist. Einerseits genoss May seine Popularität. Dass er allerdings andererseits darunter auch litt, dass er sich gestört und beeinträchtigt fühlte, zeigt seine - in vielen Details wohl stark übertriebene, in der Grundaussage aber wohl zutreffende - autobiographische Skizze mit dem Titel "Freuden und Leiden eines Vielgelesenen" (1896).

Auch in andern Bereichen begann May masslos zu übertreiben. So sagte er von sich als Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi/Dr. Karl May: "Ich spreche und schreibe: Französisch, englisch, italienisch, spanisch, griechisch, lateinisch, hebräisch, rumänisch, arabisch 6 Dialekte, persisch, kurdisch 2 Dialekte, chinesisch 2 Dialekte, malayisch, Namaqua, einige Sunda-Idiome, Suaheli, Hindostanisch, türkisch und die Indianersprachen der Sioux, Apachen, Komantschen, Snakes, Uthas, Kiowas nebst dem Ketschumany 3 südamerikanische Dialekte. Lappländisch will ich nicht mitzählen."[3]

Und am 27. Februar 1898 informiert Karl May interessierte Leser über seine Ausbildung:

Dass Karl May Doctor der orientalischen Sprachen ist, wird kaum befremden. Überraschend aber ist es, in welcher Art er die kaum gewonnene Kenntnis jeder einzelnen Sprache raschestens zu verwerten wusste. So widmete er ein Jahr Universitätsstudium dem Indischen und machte dann ehestens eine Reise nach Indien. Zurückgekehrt, wandte er sich dem Studium des Chinesischen zu und lenkte sodann seine Schritte nach dem Reiche der Mitte. Diese Procedur wurde so oft wiederholt, als es eine orientalische Sprache zu erlernen, respective zu verwerten gab.[4]

Die Distanz zum Ich-Helden seiner Abenteuerromane hatte May nun fast völlig verloren. Weniger im Werk, sondern vor allem außerliterarisch, in persönlichen Briefen und öffentlichen Vorträgen, tut er es kund: Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi sind Pseudonyme für Karl May und er hat alles tatsächlich so erlebt. Er zeigt Lesern bereitwillig Narben, verschickt Pferdehaare (als Haare vom Schopf Winnetous!), lässt sage und schreibe 101 Kostümfotos und die Wunderwaffen fertigen... Sein Verleger Fehsenfeld unterstützt ihn nach besten Kräften.

Seine Leser lieben ihn. Auf einer Reise macht er in München Station und hat schon am zweiten Tag

"über 600 Briefe und Karten mit Besuchsanmeldungen. Von Nachm. 2 bis Abends 1 Uhr gegen 900 Besuche, am nächsten Tage über 600, am folgenden über 800; dann riß ich aus. Während ich hunderte von Lesern (hohe Offiziere, Grafen, Barone mit ihren Squaws bis herunter zum Arbeiter) im Saale hatte, mußte ich alle zehn Minuten auf den Balkon treten, um mich der unten stehenden Menge zu zeigen und sie zu grüßen [...] Die kleineren Gymnasiasten pp standen so dicht vor dem Hotel, daß die Tramway nicht durchkonnte und es keine andere Hülfe gab, als sie per Wasserschlauch auseinanderzuspritzen." (K. May)

Konsequenterweise bezog er auch seine Frau Emma in die Legende ein und erklärte sie Gästen gegenüber u.a. zu einer Arzttochter, die ihn - wie einst Nscho-tschi - pflegte, als er schwerverletzt von einer Reise heimkehrte.[5]

Das Ende der Legende

Illustration 1912 - von Claus Bergen

Von seiner Orientreise schrieb Karl May noch Postkarten, auch an Freunde, die es eigentlich längst besser wussten, auf denen er von der Entdeckung größerer Goldlagerstätten berichtete, die er selbstverständlich unangetastet ließ.[6]

Auf der gleichen Reise finden sich aber auch schon Tagebucheinträge, wonach er "den alten Karl" im Toten Meer versenkt hätte.

Spätestens bei seiner Rückkehr nach Deutschland musste er feststellen, dass die allgemeine Meinung umgeschlagen war. Mays Vorstrafen wurden wieder bekannt und damit der Umstand, dass May zu Zeiten, wo er angeblich auf Reisen gewesen sein müsste, nachweislich in der Heimat eingesessen hatte. Die Old-Shatterhand-Legende war geplatzt wie ein Luftballon.

May würde später behaupten, dass seine Aussage "Ich bin Old Shatterhand!" genauso symbolisch gemeint gewesen sei wie alles andere in seinem gesamten Werk, und seine Reisen seien in einem übertragenen Sinne real gewesen - als Reisen in sein Inneres. (S. -> Menschheitsfrage!)

Aber die Illustrationen der blauen Fehsenfeld-Ausgabe (ab 1907) basieren noch auf Foto-Vorlagen Karl Mays.

posthume Legende

Ein Revival der Old-Shatterhand-Legende versuchte Klara May in ihren Jahrbuchbeiträgen und Reiseberichten. Munter fabulierte sie davon, dass Karl May sich mit Indianern einer Völkerschau in deren Muttersprache unterhalten hätte und während der Amerikareise wochenlang allein durch den Wilden Westen gestreift sei.

Reste der Old-Shatterhand-Legende retteten sich in Form der sogenannten Frühreisen-Legende bis in die 1970er Jahre.

Anmerkungen

  1. Klußmeier, Gerhard: Karl May und Deutscher Hausschatz. Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft Nr. 16/1973, S. 20
  2. Karl-May-Chronik I, S. 374
  3. Karl May: Brief vom 2. November 1894 an seinen Leser Carl Jung
  4. Jenny Florstedt: Ein Tag in Wien. 27. Februar 1898. In: Karl-May-Haus Information Nummer 32, S. 68
  5. Karl-May-Chronik II, S. 21
  6. Karl May in einem Brief (u.a.) an Johannes Dederle am 12. Oktober 1899

Literatur

Weblinks