Weihnachtsabend (Gedicht)

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Weihnachtsabend ist ein - auch von May selbst - häufig zitiertes Gedicht von Karl May.

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten]

Während seiner Haftzeit in Zwickau schrieb May mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Weihnachtsgedicht, das sich auf einem Blatt befindet, auf das auch der Text "Offene Briefe eines Gefangenen" geschrieben wurde. Dieses Gedicht handelt vom reuigen Tod eines Gefangenen und besteht aus 16 Strophen, wobei es zwischen Strophe 12 und 13 eine inhaltliche Lücke gibt.

Zwei Strophen dieses Gedichts (und das Motiv des sterbenden Gefangenen) wurden in das "Waldröschen" übernommen (8. Lieferung, 1882).

1884 taucht das Gedicht im Roman "Der verlorne Sohn" (19. Lieferung) wieder auf. Dort soll der arme Dichter Robert Bertram sein Talent beweisen und aus dem Stegreif ein Gedicht über einen sterbenden Gefangenen am Weihnachtsabend machen. Es gelingt glänzend. Die Strophen, die er vorträgt, entsprechen mit nur kleinen Änderungen dem Weihnachtsgedicht. Eine zusätzliche Strophe schließt die erwähnte inhaltliche Lücke zwischen Strophe 12 und 13.

1891/92 sind Teile des Gedichts (vier Strophen) in der Handschrift "In der Heimath" enthalten, die Heinrich Keiter für den Hausschatz-Abdruck aus "Krüger-Bei" streicht. In dem gestrichenen Text bezeichnet sich May auch erstmals als Verfasser des Gedichts.

Finale dann im Band "Weihnacht!" Zwar wird auch dort an keiner Stelle das Gedicht vollständig zitiert, aber dafür werden immer wieder vier Zeilen vorgetragen, die in der ursprünglichen Handschrift nicht vorhanden waren. Sie ergeben sich aus der Geschichte der leidbedrängten Familie von Hiller: "Hat der Herr ein Leid gegeben, / Giebt er auch die Kraft dazu; / Bringt dir eine Last das Leben, / Trage nur, und hoffe du!" – Der sterbende Gefangene wird nicht mehr erwähnt, die Sterbestrophen beziehen sich nun zuerst auf den Vater von Elise von Hiller und später auf Carpio. Zudem werden beim Rezitieren einige Strophen von Frau Hiller direkt auf ihre Situation umformuliert.

1904 wurde dieses Gedicht von Adalbert Fischer in den Sammelband Sonnenstrahlen aus Karl Mays Volksromanen aufgenommen.

Text[Bearbeiten]

Gedicht1.jpg

Weihnachtsabend.


„Ich verkünde große Freude,
Die Euch widerfahren ist;
Denn geboren wurde heute
Euer Heiland Jesus Christ!“

Jubelnd klingt es durch die Sphären,
Sonnen kündens jedem Stern,
Weihrauch duftet auf Altären
Glocken klingen nah und fern.

Tageshell ists in den Räumen
Alles athmet Lust und Glück
Und an bunt[behangnen] Bäumen
Hängt der freudetrunkne Blick.

Fast ists, als ob sich die helle
Nacht in Tag verwandeln will;
Nur da oben in der Zelle
Ists so dunkel, ists so still.

Unten zieht des Festes Freude
Jetzt in alle Herzen ein;
Droben ist mit seinem Leide,
Seinem Grame er allein.

U[Dru]nten wogt es durch die Gassen
Lebensfrisch und lebensroth
Droben kämpft mit leichenblassen
Angesicht er mit dem Tod


Gedicht2.jpg

Zitternd lehnt er an der Mauer
Von des Fiebers Angst umkrallt
Und es fliegen tiefe Schauer
Durch die zuckende Gestalt

Seine bleichen Lippen beben
Fieberhaft erglüht das Hirn,
An den kalten Eisenstäben
Kühlt er seine heiße Stirn

Betend faltet er die Hände,
Hebt das Auge himmelan:
„Vater, gieb ein selig Ende
Daß ich ruhig sterben kann.

Blicke auf Dein Kind hernieder
Das sich sehnt nach Deinem Licht,
Der Verlorne naht sich wieder,
Geh mit ihm nicht ins Gericht.

Da erbraußt im nahen Dome
Feierlich der Orgel Klang
Und im majestätschen Strome
Schwingt sich auf der Chorgesang:

„Herr, nun lässest Du in Frieden
Deinen Diener [zu Dir] schlafen gehn
Denn sein Auge hat hienieden
Deinen Heiland noch gesehn.“
Gedicht3.jpg


Und der Priester legt die Hände
Segnend auf des Todten Haupt.
„Selig ist, wer bis ans Ende
An die ewge Liebe glaubt.

Selig, wer aus Herzensgrunde
Nach der Lebensquelle strebt
Und noch in der letzten Stunde
Seinen Blick zum Himmel hebt

Suchtest Du noch im Verscheiden
Droben den Versöhnungsstern,
Wird er Dich zur Wahrheit leiten
Und zur Herrlichkeit des Herrn.

Darum gilt auch Dir die Freude,
Die uns widerfahren ist;
Denn geboren wurde heute
Auch Dein Heiland Jesus Christ!“


Übertragung des Faksimiles von Karl Mays Handschrift, vermutlich zwischen 1865 und 1868 in der Haft auf Schloss Osterstein entstanden.

Abgrenzung zur "Weihnachtskantate"[Bearbeiten]

Es ist möglich, dass Karl May (wie in der Erzählung "Weihnacht!" berichtet) tatsächlich als Jugendlicher eine Weihnachtskantate schrieb. Im Nachlass fand sich eine solche, die mit "K. F. May" signiert ist. Der Hinweis auf den vollen Namen deutet nach Roland Schmid auf eine Entstehungszeit während des Lehrerseminars hin. Der Text entspricht zwar dem Lukas-Evangelium, weicht aber deutlich von dem späteren Weihnachtsgedicht ab. Eine Motette ließ sich dagegen nie finden und das Gedicht "Weihnachtsabend" ist offenbar nie von May vertont worden.

In der Dorfgeschichte "Der Giftheiner" wird ebenfalls eine Weihnachtskantate erwähnt. Zitiert werden in dem Zusammenhang zwei Strophen des Weihnachtsgedichtes.

Literatur[Bearbeiten]