Wandgemälde im Buchgewerbehaus

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Mehrere Wandgemälde schuf Sascha Schneider in den Jahren 1900 und 1909 für die Gutenberghalle im Buchgewerbehaus in Leipzig. Das Gebäude (und damit die Bilder) wurde 1943 weitestgehend zerstört.

Geschichte des Buchgewerbehauses

Das Buchgewerbehaus in Leipzig

Das Leipziger Buchgewerbehaus geht auf eine Initiative von Dr. Oscar von Hase (Sohn des Jenaer Kirchenhistorikers Karl von Hase und Mitinhaber des Leipziger Verlagshauses Breitkopf & Härtel) zurück. Der schwedische Architekt Emil Hagberg errichtete von 1898 bis 1901 es im Stil der Neorenaissance als Pendant zum dortigen Buchhändlerhaus. Neben Büros der buchgewerblichen Vereine enthielt das Haus Ausstellungsräume für eine Jahres-Novitäten-Schau, das Deutsche Buchgewerbe-Museum und eine Maschinenausstellung.

Zentrum des Hauses war die zwölf Meter hohe, von Bruno Eelbo gestaltete Gutenberghalle als Fest- und Gedenkraum. Das von Adolf Lehnert geschaffene drei Meter hohe Standbild Johann Gutenbergs wurde von Porträtbüsten von Alois Senefelder (Erfinder der Lithographie) und Friedrich Koenig (Erfinder der Schnelldruckpresse) flankiert.

Dr. Oscar von Hase, der Sascha Schneider auch später fördern sollte, sorgte dafür, dass dieser großformatige Bilder für alle Wände der Halle gestalten durfte. Für die Stirnwand (oberhalb des Standbilds und der Büsten) schuf Schneider das Monumentalgemälde Baldurs Sieg über die Mächte der Finsternis. An den Seitenwänden befanden sich die vier Einzelbilder Wotan, Loki, Wahrheit und Poesie. Schneider schuf diese – wie auch das Gemälde an der Stirnseite – von März bis September 1900.[1] Das Bild Zwei Fanfarenbläser für die vierte Wand konnte der Künstler erst 1909 vollenden. Zu dieser Zeit lebte Schneider – auf Grund der Erpressung durch Hellmuth Jahn – in Italien und konnte nur inkognito nach Leipzig kommen. Während der Arbeit an diesem letzten Bild wohnte er in der Villa des mit ihm befreundeten Max Klinger.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Buchgewerbehaus am 4. Dezember 1943 bei einem Luftangriff auf Leipzig zu großen Teilen zerstört. Sascha Schneiders Gemälde gingen dabei unwiederbringlich verloren.

Baldurs Sieg über die Mächte der Finsternis

Baldurs Sieg über die Mächte der Finsternis war der Titel des dreiteiligen Hauptgemäldes an der Stirnwand. Es war insgesamt 13 m breit und 9 m hoch und erstreckt sich über zwei Etagen.

Schneider selbst äußerte sich über einen Entwurf zu seinem Werk wie folgt:

Die große Skizze, für die Hauptwand der Gutenberghalle gedacht, soll Baldurs Erwachen und Erblühen darstellen, aus den Frühlingsblumen der Erde wächst er empor. Sein Erscheinen bedeutet für die beiden repräsentierenden Menschen, die rechts und links auf der gleichfalls mit Blumen überstreuten Wiese sich befinden, Licht, Luft, Freiheit und Erwachen zur Wonne. Im Hintergrunde ballen sich die verdrängten und besiegten Winterriesen zu einem drohenden Gewitter zusammen, nochmals zu einem Angriff auf die befreite Erde sich vereinend und rüstend, wenn Balder, das Licht, der Befreier, sich nicht stark genug zeigen sollte, sich zu behaupten. Unter den fröhlichen Menschenkindern, in bröckelnden Höhlen, im Feuchten, Dunkeln, kauern wieder finstre Mächte, teils vom Schlafe übermannt, teils wachend, grollend vor sich hinstarrend, mit Schätzen irdischer Art. Oder sie ziehen aus auf Drachen und Schlangen, schon überzeugt von Balders Kraft und an ihrer Herrschaft verzweifelnd. – So wie Balder, der läuternde Frühling, uns herrlich vom Winter und seinen Gewalten befreit, so stürmte die Erfindung der Buchdruckerkunst ähnlich leuchtend, erschreckend und befreiend in die Finsternis des Mittelalters hinein, und schon sind viele von diesen Reifriesen vernichtet, andere liegen in tiefem Schlafe. Das Gewitter ballt und ballt sich aber immer und immer wieder zusammen. Möge die Presse doch so stark wie der sieghafte Gott sein, dem Gewitter zu gebieten und die Dämonen zu zerstreuen. Ich erlaube mir solches an Stelle einer mageren und unmalerischen Allegorie vorzuschlagen, wie sie schon so oft, zwar didaktisch, aber unerquicklich wirkend, allenthalben angebracht worden ist.[2]

Zum Motiv des dreiteiligen Bildes äußert sich Dr. phil. Felix Zimmermann (* 1874; † 1946) in der ersten Sascha-Schneider-Monographie überhaupt:

Daß für ihn [nämlich Schneider] keine Allegorie der Buchdruckerkunst in Betracht kam, war klar; daß er symbolisch den Triumph des Lichtes über das Dunkel mit einem Motiv der germanischen Mythologie feierte, war glücklich und überraschend. Nicht zu erwarten war von ihm Mythenmalerei der germanistischen Anschauungsweise, wie sie gleichzeitig (1899) Hermann Prell im Palazzo Caffarelli in Rom geleistet hatte. Zwar das Mittelbild stellt Baldur in Jünglingsgestalt hin, wie er aus Blumensprießen über Erdas unterirdischem Dunkelreich emporsteigt; Jüngling und Mädchen links und rechts erwachen zu Glück und Liebe; schattenhaft wogt im Hintergrund der ohnmächtige Widerstand der besiegten Winterriesen. Das ist mythengetreu, germanisch empfunden, wenn auch frei und unabhängig geformt. Aber in den Seitenbildern lebt voll die eigenwillige Phantasie des Kartonschöpfers auf. Seltsame Gestalten weichen hier der Gewalt Baldurs, eine Art Maskenzug links: Dame mit Krone, schneeweiß vermummter Eisriese, nackter Muskelmensch, prunkvoll gewandeter Priester, zwerghafter König, phantastisches Tierungetüm – offensichtlich Träger von roher, brutaler Kraft, finsterstem Aberglauben, niederhaltendem Despotismus. Und rechts verfallen dem ewigen Schlafe: entwaffneter Ritter, üppiges liegendes Weib und stumpf brütender Greis, während jugendliche Mannes- und Frauengestalten nach oben zum Lichte drängen. Von seltsam fesselndem Reiz ist gerade diese Gruppe der vom neuen Geist verdrängten mittelalterlichen Gestalten. Aber es darf nicht verhehlt werden, daß nur eindringender Deutung, nicht schlicht erfassendem Blick der Sinn der Seitenbilder aufgeht. Wandschmückend ist die dreigeteilte Komposition in ihrer figürlichen Klarheit wie in der dekorativen Farbengebung, die rein und ungebrochen, gegensatzreich und vollklingend, oft prunkvoll leuchtend die Fläche belebt.[3]

WotanLokiWahrheitPoesie

Vier weitere Gemälde Schneiders befanden sich an den Seitenwänden des Saales an Wandpfeilern zwischen den Fenstern: Wotan, Loki, Wahrheit und Poesie.

Auch diese Bilder beschreibt Zimmermann:

Vier große Figurenbilder an den Wandpfeilern ergänzen das Hauptgemälde: Wotan und Loge als Gegenmächte des mythischen Themas; 'Dichtung' und 'Wahrheit' als Gegenspieler des geistigen Schaffens. Urmythisch wirkt der mächtige, runenritzende Greis mit seinen beiden Raben; mephistophelisch der rothaarige, in feuriger Lohe schwebende Gott der Klugheit und der Lüge. Die 'Dichtung' schwebt, ein idealschöner Frauenleib, auf Muschelwagen, schleierumwallt, durch den Sternenhimmel; die 'Wahrheit' thront mit strengem Blick, kronengeschmückt, vom violetten Gewand umbauscht, fast nackt, und hält die erleuchtende Fackel. Diese beiden Frauenkörper sind überraschende Meisterschöpfungen Sascha Schneiders, der plötzlich hier, ohne erdige Reste des Modells, die Schönheit des Weibes großformig und edel zu gestalten vermochte. Die monumentale Sprache dieser vier Figuren ist von eindringlicher Ausdruckskraft. –[4]

Hansotto Hatzig bemerkte zu Schneiders Loge:

[...] letzterer ist nicht ohne Einfluß auf Mays Porträtierung seines Ahriman Mirza geblieben [...][5]

Dies ist ein Hinweis darauf, dass Karl May dieses Werk seines Freundes Sascha Schneider bekannt gewesen sein könnte. Ahriman Mirza ist eine Figur aus Mays Roman Im Reiche des silbernen Löwen und wird dort tatsächlich mit einem Bild des Loki verglichen:

Habe ich jemals einen schönen Mann gesehen, so war es dieser hier! Hoch und schlank gewachsen, doch stark und voll gebaut, ließ der edel geformte Körper ungewöhnliche Kraft und große Gewandtheit ahnen. Und dieser Kopf! Er kam mir bekannt vor. Ich besann mich. Ich hatte einmal ein Bild gesehen: Loki mit dem herrlichen Heimdall um Friggas Halsband kämpfend. Der Künstler hatte es verstanden, dem Kopfe und den Zügen Lokis jene dämonisch verführende Schönheit zu geben, welche Seligkeit verspricht und doch aber nur Verderben giebt. Und nun ich diesen Ahriman Mirza vor mir stehen sah, war es mir, als ob er jenem Maler als Modell gesessen haben müsse. Ganz besonders deutlich war ihm die Ueberzeugung anzusehen, daß er ein schöner Mann sei, dem niemand widerstehen könne. Aber das "Licht" seiner Augen stand nicht gerade, sondern schief; das willensstarke Kinn zog das Lächeln des Mundes nieder, und die begehrlichen, zum Hohne geneigten Lippen waren voller und breiter, als sich mit dem übrigen Gesicht vertrug.[6]

Zwei Fanfarenbläser

An der Ostseite des Buchgewerbehauses befand sich ein vier Meter breites Gemälde Zwei Fanfarenbläser, das im August 1909 entstand, als Sascha Schneider inkognito in Leipzig weilte. Pläne für dieses Bild gab es bereits Jahre zuvor, während Schneiders Weimarer Zeit.

Schon am 24. August 1904 schrieb Sascha Schneider an Klara May:

Augenblicklich muss ich eine Skizze für die letzte Wand des Gutenbergmuseums [...] malen [...][7]

Sein Werk war aber bis dahin vermutlich nicht über das Stadium der Skizze hinausgekommen. Am 22. September 1908 schrieb Schneider nämlich aus Florenz, seinem italienischen Zufluchtsort, an seinen Freund und Kollegen Max Klinger:

Ich habe bis Frühjahr 1909 die 4te Wand in der Gutenberghalle zu malen und muss daher ein grosses Atelier haben.[8]

Aus Frühjahr 1909 wurde Sommer, am 18. Juli bat Schneider Klinger brieflich um Quartier u[nd] Obdach.[9] Dieser sagte zu, Sascha Schneider reiste heimlich nach Deutschland, wohnte (während der Inhaber auf Reisen war) in Klingers Villa und schuf das letzte dieser Bilder von Anfang bis gegen Ende August 1909.[10]

Vermutlich war das Werk bereits in der dritten Augustwoche vollendet, denn der Maler schrieb auf einer Postkarte – Poststempel Leipzig-Plagwitz, 21. August 1909 – an Karl May:

War hier längere Zeit und habe die 4te Wand im Buchgewerbemuseum gemalt, (Eröffnung im Octob[er]), Gast bei Klinger. Es war kolossale Arbeit, die nicht aufatmen liess [...][11]

Dabei handelte es sich offenbar um ein echtes Fresko, denn am 17. November 1909 schrieb Schneider an seinen Freund Wilhelm Ostwald:

Leipzig [...], wo ich 2 grosse Kerle an die Wand der Gutenberghalle malte (veni vidi vici!)[12] [...] Die beiden Kerle in Leipzig hätte ich zu gern auch in Pastell gemalt, da aber alles wie immer bei solchen Sachen, in schnellster Zeit erledigt werden soll, so nahm ich doch Öl.[13]

Ebenso wie die Werke an den drei anderen Wänden wurde auch dieses Bild bei einem Luftangriff 1943 zerstört.

Anmerkungen

  1. Range: Zwischen Max Klinger und Karl May, S. 49 f. Hansotto Hatzig gibt als Entstehungszeit von Baldurs Sieg und den vier Einzelbildern die Jahre 1898 bis 1901 an.
  2. Zitiert nach: Hatzig: Karl May und Sascha Schneider, S. 33 f.
  3. Zimmermann: Sascha Schneider, S. 15 f.
  4. Zimmermann: Sascha Schneider, S. 16.
  5. Hatzig: Karl May und Sascha Schneider, S. 34.
  6. Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen III. In: Karl Mays Werke, S. 65591 f. (vgl. KMW-V.3, S. 587).
  7. Hans-Dieter Steinmetz/Hartmut Vollmer (Hrsg.): Karl May. Briefwechsel mit Sascha Schneider. Karl-May-Verlag BambergRadebeul 2009, S. 107 f. ISBN 978-3-7802-0093-8
  8. Zitiert nach: Range: Zwischen Max Klinger und Karl May, S. 243.
  9. Zitiert nach: Range: Zwischen Max Klinger und Karl May, S. 245.
  10. Hatzig: Karl May und Sascha Schneider, S. 163.
  11. Steinmetz/Vollmer (Hrsg.): Briefwechsel, S. 284.
  12. Lateinisch: Ich kam, ich sah, ich siegte! (Gaius Julius Caesar).
  13. Zitiert nach: Range: Zwischen Max Klinger und Karl May, S. 252 f.

Literatur

Weblinks