Karl May in der DDR

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In der DDR war Karl May lange Zeit nicht verboten, aber auch nicht erlaubt.

Zeit der Ignoranz

Heft von 1958

"Das Kapitel Karl May ist in der DDR schon vor Jahren endgültig geschlossen worden", tönte das ostdeutsche "Börsenblatt" 1958. Nein, die SED-Chefs liebten den exzentrischen Autor nicht, sie warfen ihm "Rassismus" und "Deutschtümelei" vor – vor allem, weil Adolf Hitler ihn einst zu seinem "Lieblingsautor" gekürt hatte. Dass es in seinem pazifistischen Spätwerk auch viele Belege für eine Offenheit gegenüber anderen Kulturen gibt, interessierte wenig. Die Karl-May-Straße in Radebeul wurde gleich nach dem Krieg in Hölderlinstraße umbenannt. Die Ost-Stiftung "Karl May" kümmerte sich seit 1960 um die "Villa Bärenfett". In die "Villa "Shatterhand."" zog ein Kinderhort ein.

Im Westen setzte mit den Winnetou-Verfilmungen (Pierre Brice als edler Häuptling und Lex Barker als Old Shatterhand) ein Indianer-Boom ein, und auch die DEFA der DDR steckte nicht zurück: 1965 wurde "Die Söhne der Großen Bärin" mit Gojko Mitić in der Hauptrolle gedreht. Karl May selbst blieb ein Tabu.

Renaissance

Erst Anfang der 80er Jahre, als das DDR-Fernsehen an den West-Verfilmungen Interesse zeigte – Erstausstrahlung Ost war Weihnachten 1982, kam Karl May auf die Tagesordnung. Der Proletariersohn sei ein aufrechter "Kämpfer gegen die US-amerikanische Raub- und Ausrottungspolitik" gewesen. Seine Werke, vorher aus den Bibliotheken verbannt, wurden 1982 und 1983 neu aufgelegt – die Auflage im Verlag Neues Leben durch Rudolf Chowanetz von je 250.000 Stück war in wenigen Tagen vergriffen.

Staats- und Parteichef Erich Honecker persönlich entschied am 28. Februar 1983, das Karl-May-Museum in Radebeul neu zu gestalten. Dabei wurde zwar darauf geachtet, Karl May nicht zu sehr als Aushängeschild zu nutzen – das "Indianermuseum der Karl-May-Stiftung Radebeul" sollte sich künftig knapp "Indianermuseum Radebeul" nennen – aber auch eine kleine Vitrinenausstellung über sein Leben angeordnet, die in der "Villa 'Shatterhand'" ihren Platz fand.

1983 wurde der neue Stempel vom Museum bestellt, eine Karl-May-Büste aus dem Fundus geholt und die Ausstellung erarbeitet. Egon Krenz persönlich nahm sich der Ausstellung an und informierte am 14. Januar 1985 seinen Chef Erich Honecker:

Lieber Genosse Erich Honecker! Nach Deiner Anregung wurde in Dresden das Karl-May-Museum entsprechend den Tradtionen gestaltet. Wie mir Genosse Hans Modrow mitteilte, wurde eine neue Ausstellung 'Karl May - Leben und Werk' in der Villa 'Shatterhand' vorbereitet. Die Villa 'Bärenfett' wurde komplex renoviert. Es ist vorgesehen, das Karl-May-Museum in der neuen Gestalt am 9. Februar 1985 zu eröffnen [...]
Brief mit Sonderstempel zum Karl-May-Jahr 1987

Honecker tat das, was er immer tat, wenn ihm ein Vorschlag gefiel: Er zeichnete das Papier mit "Einverstanden. E.H." am Rand ab. Die Bibliothek diente der Stasi allerdings als konspirative Wohnung.

nach der Wende

Nach 1989 gab es für die Radebeuler offenbar wenig Arbeit. Der "Spiegel"[1] zitiert René Wagner mit den Worten: "Wir mussten nur sehr wenig aus ideologischen Gründen ändern." Nur im Haupthaus mussten die Begleittexte der Ausstellung 1992 gekürzt werden – die realsozialistischen Passagen wurden getilgt. "Klassenjustiz" oder "imperialistische Großmachtbestrebungen" der USA finden sich nun nicht mehr in Radebeul.

Ausstellung

In der Karl-May-Begegnungsstätte Hohenstein-Ernstthal wurde vom 25. Februar bis zum 5. Mai 2002 eine Sonderausstellung zum Thema "Karl May in der DDR" gezeigt, die große Aufmerksamkeit erregte und seitdem als Wanderausstellung in ganz Deutschland unterwegs ist.

Anmerkungen

  1. "Spiegel" 18/1995.

Literatur

  • Christian Heermann: Old Shatterhand ritt nicht im Auftrag der Arbeiterklasse. Dessau 1995.
  • Wolfgang Emmerich: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Leipzig 1996.
  • Henrik Eberle/Denise Wesenberg (Hrsg.): Einverstanden. E.H. Parteiinterne Hausmitteilungen, Briefe, Akten und Intrigen aus der Honecker-Ära. Berlin 1999.
  • Klaus Hoffmann: In Abrahim Mamurs Gewalt. Ein Beitrag zur Karl-May-Rezeption in der ehemaligen DDR. In: die horen (Band 178), S. 175.
  • Christian Heermann: Karl May in der DDR. In: Karl-May-Haus Information Nummer 15, 2. US.
  • Klaus-Peter Heuer: Holzverschalung. Die Bretter vor den Köpfen der May-Gegner. Zur Sonderausstellung des Karl-May-Hauses "Karl May in der DDR" vom 25. Februar bis 5. Mai 2002. In: Karl-May-Haus Information Nummer 16, S. 61–66.
  • Friedrich von Borries/Jens-Uwe Fischer: Sozialistische Cowboys. Der Wilde Westen Ostdeutschlands. Edition Suhrkamp, 2008.
  • Siegfried Lokatis/Ingrid Sommer (Hrsg.): Heimliche Leser in der DDR. Kontrolle und Verbreitung unerlaubter Literatur. Ch. Links Verlag, 2008.
  • Gerhard Klußmeier: Deutsch-deutsches Karl-May-Gemeinschaftswerk. Ein kleines Karl-May-Film-Abenteuer in der DDR. In: KARL MAY & Co. Nr. 117/Juli 2009.
  • Hartmut Schmidt: »Wir sind grundsätzlich anderer Meinung über Karl May«. Bausteine zur Karl-May-Rezeption in der DDR (I). In: Karl May & Co. Nr. 145, 2016.
  • Hartmut Schmidt: "Suche Karl-May-Bücher zu wissenschaftl. Arb.". Baustei­ne zur Karl-May-Rezeption in der DDR (II). In: Karl May & Co. Nr. 146, 2016.
  • Hartmut Schmidt: "Immer waren die Indianer bei ihm grausame Menschen" - Bausteine zur Karl-May-Rezeption in der DDR (III). In: Karl May & Co. Nr. 148, 2017.
  • Nicolas Finke: Stasi-Treff Villa Bärenfett. Die Karl-May-Szene und die Stasi, Teil 1. In: Karl May & Co. Nr. 148, 2017.