Kerzendiebstahl

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Als Kerzendiebstahl wird Karl Mays erstes bekanntes Delikt bezeichnet, in dessen Folge er vom Lehrerseminar Waldenburg verwiesen wurde.

Darstellung in der Autobiografie

Es herrschte im Seminar der Gebrauch, daß die Angelegenheiten jeder Klasse reihum zu besorgen waren, von jedem eine Woche lang. Darum wurde der Betreffende als "Wochner" bezeichnet. Außerdem gab es in der ersten Klasse einen "Ordnungswochner" und in der zweiten einen "Lichtwochner", welch letzterer die Beleuchtung der Klassenzimmer zu übersehen hatte. Diese Beleuchtung geschah damals mit Hilfe von Talglichtern, von denen, wenn eines niedergebrannt war, ein anderes neu aufgesteckt wurde. Der Lichtwochner hatte täglich die Säuberung der alten, wertlosen Leuchter vorzunehmen und insbesondere die Dillen von den steckengebliebenen Docht- und Talgresten zu reinigen. Diese Reste wurden entweder einfach weggeworfen oder von dem Hausmanne zu Stiefel- oder anderer Schmiere zusammengeschmolzen. Sie waren allgemein als wertlos anzusehen.
Es war anfangs der Weihnachtswoche, als die Reihe, Lichtwochner zu sein, an mich kam. Ich besorgte diese Arbeit wie jeder andere. Am Tage vor dem Weihnachtsheiligenabende begannen unsere Ferien. Am Tage vorher kam eine meiner Schwestern, um meine Wäsche abzuholen und das wenige Gepäck, welches ich mit in die Ferien zu nehmen hatte. Sie tat dies stets, so oft es Ferien gab. Der Weg, den sie da von Ernsttal nach Waldenburg machte, war zwei Stunden lang. So auch jetzt. Als sie dieses Mal kam, war ich grad beim Reinigen der Leuchter. Sie war traurig. Es stand nicht gut daheim. Es gab keine Arbeit und darum keinen Verdienst. Mutter pflegte, wie selbst die ärmsten Leute, für das Weihnachtsfest wenigstens einige Kuchen zu backen. Das hatte sie heuer kaum erschwingen können. Aber bescheert werden konnte nichts, gar nichts, denn es fehlte das Geld dazu. Es gab keine Lichter für den Weihnachtsleuchter. Sogar die hölzernen Engel der kleineren Schwestern sollten ohne Lichte sein. Zu diesen Engeln gehörten drei kleine Lichte, das Stück für fünf oder sechs Pfennige; aber wenn diese achtzehn Pfennige zu andern, notwendigeren Dingen gebraucht wurden, so hatte man sich eben zu fügen. Das tat mir wehe. Der Schwester stand das Weinen hinter den Augen. Sie sah die Talgreste, die ich soeben aus den Dillen und von den Leuchtern herabgekratzt hatte. "Könnte man denn nicht daraus einige Pfenniglichte machen?" fragte sie. "Ganz leicht", antwortete ich. "Man braucht dazu eine Papierröhre und einen Docht, weiter nichts. Aber brennen würde es schlecht, denn dieses Zeug ist nur noch höchstens für Schmiere zu gebrauchen." "Wenn auch, wenn auch! Wir hätten doch eine Art von Licht für die drei Engel. Wem gehört dieser Abfall?" "Eigentlich Niemandem. Ich habe ihn zum Hausmann zu schaffen. Ob der ihn wegwirft oder nicht, ist seine Sache." "Also wäre es wohl nicht gestohlen, wenn wir uns ein bißchen davon mit nach Hause nähmen?" "Gestohlen. Lächerlich! Fällt keinem Menschen ein! Der ganze Schmutz ist nicht drei Pfennige wert. Ich wickle dir ein wenig davon ein. Daraus machen wir drei kleine Weihnachtslichte."
Gesagt, getan! Wir waren nicht allein. Ein anderer Seminarist stand dabei. Einer aus der ersten Klasse, also eine Klasse über mir. Es widerstrebt mir, seinen Namen zu nennen. Sein Vater war Gendarm. Dieser wackere Mitschüler sah alles mit an. Er warnte mich nicht etwa, sondern er war ganz freundlich dabei, ging fort und - - - zeigte mich an. Der Herr Direktor kam in eigener Person, den "Diebstahl" zu untersuchen. Ich gestand sehr ruhig ein, was ich getan hatte, und gab den "Raub", den ich begangen hatte, zurück. Ich dachte wahrhaftig nichts Arges. Er aber nannte mich einen "infernalischen Charakter" und rief die Lehrerkonferenz zusammen, über mich und meine Strafe zu entscheiden. Schon nach einer halben Stunde wurde sie mir verkündet. Ich war aus dem Seminar entlassen und konnte gehen, wohin es mir beliebte. (Karl May: Mein Leben und Streben, S. 100–102)

Ermittlungen

Tatsächlich handelte es sich nicht um Talgreste, sondern um sechs vollwertige Kerzen, die Karl May im November 1859 in seinem Koffer versteckt. Dort werden sie zwei Wochen später von zwei Schülern entdeckt und dem amtierenden "Lichtwochner" übergeben. Zur Anzeige kommt es erst am 21. Dezember, als einem Seminaristen Geld gestohlen und daher seitens der Seminarleitung um Mithilfe bei der Suche nach dem Dieb gebeten wird. Die beiden Schüler melden nun den Vorfall mit den Kerzen und erhalten einen Verweis, weil sie es nicht eher mitgeteilt haben.

Am 22. Dezember wird May dazu befragt. Er behauptet (laut Protokoll der Lehrerkonferenz), die Rückgabe der Lichter "vergessen" zu haben, was von den Lehrern begründet angezweifelt wird. Der Seminarleiter Friedrich Wilhelm Schütze übergibt die Angelegenheit nach Glauchau, wo der Bericht Anfang 1860 an das Kultusministerium weitergeleitet wird. Dort fällt man 17. Januar die Entscheidung, May aus dem Seminar Waldenburg zu entfernen.

May schickt am 6. März ein Gnadengesuch an das sächsische Kultusministerium, wo er nochmals betont, dass er die Kerzen nicht stehlen wollte, sondern nur verbummelt habe. Begleitet wird diese Wiederholung der Lüge mit dem Ausdruck von aufrichtiger Reue. Der Ernstthaler Pfarrer Carl Hermann Schmidt unterstützt das Gnadengesuch. Bereits am 15. März ergeht der Bescheid, dass May seine Ausbildung fortsetzen dürfe.

Sonstiges

Im Dezember 1910 fragte Rudolf Lebius im Seminar Waldenburg nach Akten zu diesem Vorfall, erhielt aber keine Auskunft.

Ab 1934 bemühte sich Klara May um die Waldenburger Akten. 1937 erhielt sie 21 Seiten Aktenmaterial, die sie – abgesehen von der Befürwortung des Gnadengesuchs durch den Erstthaler Pfarrer – komplett vernichtete.

Zeitgenössische Abschriften überdauerten allerdings u. a. im Sächsischen Staatsarchiv bis in die Gegenwart.

Literatur