Stadt der Toten

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Stadt der Toten
im Werk Karl Mays
Weltkarte1911.jpg

Ardistan und Dschinnistan II

Die Stadt der Toten ist die ehemalige Hauptstadt von Ardistan. Sie liegt am nun ausgetrockneten Fluss Ssul ("Frieden") im Süden des Landes, nicht weit von der Grenze zum Lande der Dschunub. Einige Gebäude der Stadt werden als Gefängnisse für besonders wichtige Personen verwendet. Nur der Maha-Lama von Ardistan kennt die Geheimnisse dieser Bauten.

Die Stadt

Der Panther, der Prinz der Tschoban, hat seinen älteren Bruder Sadik und den Dschirbani aus Ard dorthin gebracht, um sie verschmachten zu lassen. Weil er selber den Thron besteigen möchte, zwingt er den Mir von Ardistan, Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar ebenfalls an diesen Ort. Nach einem Ritt durch die Wüste, bewacht von Soldaten, erreichen sie die Stadt der Toten.

Die Stadt der Toten
und der Maha-Lama-See
Das Tal des verschwundenen Flusses strich hier genau von Nord nach Süd; das jetzt ausgetrocknete Flußbett teilte es in zwei ungleiche Hälften, eine östliche und eine westliche; die erstere, auf die wir zunächst hinunter blickten, war bedeutend breiter als die andere. Sie enthielt die eigentliche, ich will einmal sagen, die bürgerliche Stadt, während der jenseits liegende Teil sich gleich dem ersten Blicke als Militärstadt, als Festung kennzeichnete. Wir sahen Hunderte von Straßen, Gassen und Gäßchen mit Tausenden und aber Tausenden von Tempeln, Kirchen, Moscheen, Palästen, Häusern und Hütten. Und das alles machte einen ganz unbeschreiblichen Eindruck des Verlassenseins, der Leblosigkeit, des Todes. Es gab keine Spur von Pflanzengrün, von Tier- und Menschenleben. Und doch war der Ausdruck 'Leblosigkeit' und 'Tod' nicht ganz richtig. Das Wort 'Schlaf' wäre vielleicht richtiger gewesen, aber auch wieder nicht. Es gibt überhaupt keine vollpassende sprachliche Bezeichnung für das Gefühl, welches mich wie mit mächtigen, unwiderstehlichen Fäusten packte, als mein erstaunter Blick auf dieses ungewöhnliche, starre, öde, leere Häusermeer fiel. Diese Gebäude standen genau noch so da, wie sie vor Jahrhunderten gestanden hatten. Fast nichts war zerstört. Nur die weit draußen liegenden Hütten der Armut hatten sich in Trümmer, in formlose Haufen verwandelt, die aber nicht etwa Staub und Erde bildeten, sondern hart wie Eisen waren.
Und schön war sie gewesen, diese einstige Hauptstadt und Residenz von Ardistan! Wenn ich mir die seltsam gestalteten Höhen, zwischen denen sie lag, bewaldet und mit grünenden, blühenden Gärten ausgestattet dachte, so fiel mir keine europäische Großstadt ein, von der ich hätte sagen mögen, daß sie mit ihr zu vergleichen sei.[1]

Der Maha-Lama-See

Die Sage

Abu Schalem ist ein lange verstorbener Maha-Lama, dem in der Sage vom Maha-Lama-See ein Teufelspakt und ungeheure Grausamkeiten nachgesagt werden. Er soll die Bauarbeiter für den See und die Festung ermordet und im See versenkt haben, bis dieser voll Leichen war. Tatsächlich jedoch hat er im Auftrag des Mir von Dschinnistan die Vorratskammern im Maha-Lama-See angelegt und die Brunnenengel errichtet. Er wird von allen, die die Wahrheit kennen, als der berühmteste, gerechteste und gütigste aller Maha-Lamas bezeichnet.

Die Dschemmas

Durch die Falltür im Gefängnis Nummer 5 stürzen die Gefangenen in den unterirdischen Kanal, der unter der Festung hindurch in den Maha-Lama-See führt. Dieser ist wegen steiler Felswände weder von außen zu erreichen, noch kann man ihn anders verlassen als durch die geheimen Ausgänge. Hier sollen die Gegner des Panthers verhungern und verdursten. Da sie jedoch einen Brunnenengel finden und auch riesige Lebensmittelvorräte entdecken, kann dieser Plan nicht gelingen. Rund um den Maha-Lama-See sind in großen Kammern diese Vorräte und anderes Material gelagert. In zwei besonders großen Gelassen befinden sich die Versammlungssäle der beiden Dschemmas.

In der Dschemma der Toten findet der Mir alle seine Vorfahren versteinert vor ihren Schuldbüchern sitzen. In der Dschemma der Lebenden muss er sich vor Abu Schalem, Abd el Fadl und Merhameh für seine Vergehen und die seiner Vorgänger verantworten. Durch sein Bekenntnis erlöst er nicht nur sich selbst, sondern auch seine Ahnen. Nachdem die Gefährten unter der Führung von Kara Ben Nemsi den Ausgang in die Festung entdeckt haben, kommen ihnen die Heerscharen von Dschinnistan für den Endkampf gegen den Panther und seine Verbündeten zu Hilfe.

Das Wasser aus Dschinnistan kehrt in den Fluss Ssul zurück und die Stadt wird in Zukunft wieder zum Leben erwachen.

Anmerkungen

  1. Karl May: Der Mir von Dschinnistan. In: Deutscher Hausschatz 1908/09, 6. Kap., S. 231 f.