Disziplinarklasse

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Im Jahr 1840 waren in den sächsischen Strafvollzug drei Disziplinarklassen eingeführt worden, in welche die Häftlinge eingeteilt waren.[1] Dieses System galt auch während der Haftzeiten von Karl May im Arbeitshaus Schloss Osterstein in Zwickau und im Zuchthaus Waldheim.

Disziplinarklassen

erste Disziplinarklasse (Oberklasse)

Die erste Disziplinarklasse war die höchste Klasse und umfasste die Häftlinge, welche längere Zeit mit gutem Erfolge an ihrer Bessrung gearbeitet haben, und besonders zu der Hoffnung berechtigen, dass sie auch nach ihrer Rückkehr ins bürgerliche Leben auf dem eingeschlagnen guten Wege fortwandeln werden.[2]

zweite Disziplinarklasse (Mittelklasse)

Die zweite Disziplinarklasse umfasste die Häftlinge, welche bereitwillig den Bemühungen der Direction zu ihrer sittlichen Hebung die Hand bieten und mit festem Willen und voller Kraft die Mittel benutzen, die ihnen geboten werden.[3] Im Normalfall gehörten Neueingelieferte der zweiten Klasse an.[4][5]

dritte Disziplinarklasse (Unterklasse)

Die dritte Disziplinarklasse stand an unterster Stelle und bestand aus den Häftlingen, welche den erziehlichen Bestrebungen der Direction wenig oder gar keinen guten Willen entgegenbringen, die namentlich durch Rückfall ihre Willensschwäche hinreichend dokumentirt haben.[6]

Unterscheidungsmerkmale

Die Mitglieder der einzelnen Disziplinarklassen wurden (zumindest in Zwickau) räumlich nicht voneinander getrennt, wodurch man sich einen sittlichen Hebel für die Erziehung der Gefangenen[7] erhoffte.

Die einzelnen Klassen sollten äußerliche Unterscheidungsmerkmale aufweisen, die am besten in der Kleidung vorzunehmen seien, allerdings nicht in Form, Qualität und Quantität des Bekleidung bestehen sollten. Die Unterschiede sollten zudem nur Beamten und Gefangenen erkennbar und verständlich sein, Außenstehende sollten daraus nichts ableiten können.[8]

Im Arbeitshaus Zwickau wurde die Unterscheidung der Disziplinarklassen durch die Farbe der Kleidung vorgenommen. Die zweite Klasse trug eine schwarzgraue Tuchhose und Jacke, ein schwarzes Käppchen und Lederschuhe[9], die Häftlinge der ersten Disziplinarklasse trugen eine hellgraue Tuchjacke und ein weißes Halstuch.[10]

Im Zuchthaus Waldheim erstreckte sich:

"Die Verschiedenheit in der Behandlung der einzelnen Klassen [...] namentlich auf Bemessung und Verwendung des Arbeitserwerbs, auf beschränktere oder umfangreichere Gewährung bezw. Versagung von materiellen und anderweitigen Vergünstigungen, und auf härtere bezw. gelindere Anwendung der Disziplinarstrafen."[11] Außerdem unterschieden sich die Angehörigen der verschiedenen Klassen auch äußerlich in ihrer Bekleidung, wobei darauf Wert gelegt wurde, dass dieser Unterschied nur für Wärter und Häftlinge erkennbar war.

Karl May

im Leben

Karl May wurde 1865 bei seiner Ankunft in der Strafanstalt zunächst in die zweite Disziplinarklasse eingestuft[12], seine Versetzung in die erste Disziplinarklasse erfolgte 1867.[13] In Waldheim wurde Karl May als Rückfalltäter bei seiner Einweisung 1870 in die III. Disziplinarklasse eingereiht, aber spätestens 1872 in die II. Disziplinarklasse versetzt.

im Werk

In Die Juweleninsel wird der Fischer Heinrich Hartig im Zuchthaus Hochberg wegen eines Fluchtversuchs nach seiner Verhaftung in die dritte Disziplinarklasse eingestuft.[14]

Anmerkungen

  1. André Thieme: Zur Entwicklung des deutschen Gefängniswesens und besonders des Strafvollzugs im Königreich Sachsen nach 1800, S. 7 Onlinefassung
  2. Eugène d'Alinge: Bessrung auf dem Wege der Individualisirung – Erfahrungen eines Praktikers über den Strafvollzug, Leipzig, 1865, S. 41.
  3. Eugène d'Alinge: Bessrung auf dem Wege der Individualisirung – Erfahrungen eines Praktikers über den Strafvollzug, Leipzig, 1865, S. 41.
  4. Dr. Dr. Lothar Frede: Strafvollzug, Geschichte. In: Handwörterbuch der Kriminologie Band 3, S. 264.
  5. André Thieme: Zur Entwicklung des deutschen Gefängniswesens und besonders des Strafvollzugs im Königreich Sachsen nach 1800, S. 8
  6. Eugène d'Alinge: Bessrung auf dem Wege der Individualisirung – Erfahrungen eines Praktikers über den Strafvollzug, Leipzig, 1865, S. 41.
  7. Eugène d'Alinge: Bessrung auf dem Wege der Individualisirung – Erfahrungen eines Praktikers über den Strafvollzug, Leipzig, 1865, S. 41 f.
  8. Eugène d'Alinge: Bessrung auf dem Wege der Individualisirung – Erfahrungen eines Praktikers über den Strafvollzug, Leipzig, 1865, S. 42.
  9. Führer durch Zwickau und seine Umgebungen, Zwickau, 1866, S. 27.
  10. Führer durch Zwickau und seine Umgebungen, Zwickau, 1866, S. 28.
  11. M. Koppel: Die Vorgeschichte des Zuchthauses zu Waldheim. Grundzüge der historischen Entwicklung der Zuchthausstrafe und ihrer Vollstreckung in Sachsen. Leipzig 1934, S. 156; zit. nach Plaul, Resozialisierung durch "progressiven Strafvollzug", S. 115
  12. Plaul: "Besserung durch Individualisierung", S. 142.
  13. Plaul: "Besserung durch Individualisierung", S. 150.
  14. Karl May: Die Juweleninsel, Karl Mays Werke (HKA) II.2, S. 89.

Literatur

  • Eugène d'Alinge: Besserung auf dem Weg der Individualisierung, Leipzig 1865. (Schrift des damaligen Direktors der Anstalt über seine Pläne und Methoden; auszugsweise zitiert in der Karl-May-Chronik I, S. 134)
  • Johannes W. E. Büttner: Das Gesundheitswesen und die gesundheitlichen Verhältnisse des Zucht-, Waisen- und Armenhauses und späteren Zucht- und Korrektionshauses in Waldheim (Sachsen) seit seiner Gründung im Jahre 1716 bis 1900. Leipzig (Anstaltsdruckerei Waldheim) 1942.
  • Hainer Plaul: "Besserung durch Individualisierung". Über Karl Mays Aufenthalt im Arbeitshaus zu Zwickau von Juni 1865 bis November 1868. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1975.
  • Hainer Plaul: Resozialisierung durch »progressiven« Strafvollzug. Über Karl Mays Aufenthalt im Zuchthaus zu Waldheim von Mai 1870 bis Mai 1874. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1976.

Weblinks