Friedrich Krauss

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Friedrich Krauss

Friedrich Salomo Krauss (* 7. Oktober 1859 in Požega [Slavonska Požega, damals Österreich-Ungarn, heute Kroatien]), † 29. Mai 1938 in Wien) war Sexualforscher, Ethnograph (Volkskundler) und Slawist.

Leben und Werk

Durch seine Forschung im Bereich der Sexualität schaffte er sich viele Feinde und wurde deshalb angegriffen und verfolgt. Er war mit Sigmund Freud befreundet und prägte den Begriff der Paraphilie, der Abweichung der sexuellen Präferenz. Er lebte und arbeitete als Schriftsteller, Privatgelehrter und Übersetzer in Wien. Er unternahm 1884-85 Forschungsreisen (Feldforschung) in Bosnien, der Herzegowina und Dalmatien und sammelte dort Material über südslawische Folklore und Volkserzählungen, die er ins Deutsche übersetzte.

Friedrich Krauss und Karl May

Karl May und Friedrich Krauss lernten sich vermutlich 1907 kennen. Vom 21. Mai 1907 datiert jedenfalls ein erstes Schreiben Krauss' an May, in dem er May als Mitarbeiter zu gewinnen sucht:

[...] Mit Ihrem lieben Kartenbild erfreuten Sie mich ausserordentlich und ich weiss Abels[1] grössten Dank dafür, dass er Ihnen meine Empfehlung zugemittelt. Sie sind mir als Meister der Darstellung längst wohlvertraut, seitdem ich aber weiss, dass Sie auch mein Leidensgefährte als Verfolgter und Gehetzter waren, noch umso lieber [...] Gestatten Sie mir, Sie zur Mitarbeit an der Anthropophyteia einzuladen. Wer soviel im Leben gesehen und erlebt hat, dem entging auch das Geschlechtleben nicht. Wenn es auch nur kurze, kleine Beobachtungen sein sollten, uns werden Sie aus Ihrer Feder stets willkommen sein.
Es grüßt Sie Ihr bisher stiller, nun lauter Verehrer aufs herzlichste! [2]

Gabriele Wolff sieht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass dieser Brief, "der May zutiefst geschmeichelt und bestätigt haben wird", die "Initialzündung" für den Beginn der Pollmer-Studie gewesen sein könnte.[3]

Nach einem Tagebucheintrag Klara Mays vom 1. April 1908 hat Dr. Krauss May auch in Radebeul aufgesucht:

"Dann kam Dr. Krauß, von Geheimrat Näcke liebe Grüße bringend. Er nennt Karl einen Segen für die Menschheit, er sei kostbarer als hundert Gelehrte zusammen. Die Wissenschaft verkümmere die Seele. Unser May bringt aber Mai hinein." [4]

Krauss verfasste einen Aufsatz "Karl Mays 'Mein Leben und Streben'" (Anthropophyteia. VIII. Leipzig 1911, S. 501)[5], der von Karl May in seiner im Dezember 1911 verfassten Eingabe An die 4. Strafkammer an das Landgericht Berlin ausführlich und zustimmend[6] zitiert wird:

Seit 15 Jahren zählt May zu den gelesensten, weil beliebtesten und darum verfolgtesten deutschen Schriftstellern. Der ungeheure Erfolg seiner eine Bibliothek bildenden Schriften zeitigte eine Spur von Erpressern, die ihn auf verbrecherische Weise verleumdet und vor die Gerichte zerrt, nachdem es ihnen auf die Dauer mißglückte, ihn bis auf die Knochen auszurauben. Sie entdeckten, daß er vor 45-50 Jahren „vorbestraft“ sei und dichteten ihm gruselige Banditenstreiche an, die zu schlecht erfunden sind, als daß sie anders denn ekelerregend wirken könnten. Und doch haben sie mittelbar das Verdienst, daß sie May zur Abfassung dieses Buches veranlaßten. Hätte May nichts anderes als diese Selbstbeichte geschrieben, so verdiente er schon daraufhin den Namen eines unserer größten, unserer ehrlichsten Schriftsteller. Für den Psychoanalytiker als den eigentlichen Sexualforscher ist die Arbeit ein kostbares Geschenk. Ohne es selber zu merken, entwirft May von sich ein ganz vortrefflich anschauliches Bild eines schwer belasteten Neurotikers, der da seine durch eine verpfuschte Jugend krankhaft gesteigerte Sexualität endlich zu einem religiös mystischen Edelmenschentum sublimiert hat. Der „Diebstahl“ und der „Betrug“, derenthalben er jahrelang in Gefängnissen büßte, erscheinen für den Psychoanalytiker lediglich als Zwangshandlungen eine Neurotikers, die als Strafausschließungsgründe gelten müssen. Davon hatte seine einstigen Richter offenbar keine Ahnung, als sie ihn zu schweren Strafen verdonnerten, und May selber tut sich ein gewaltig Unrecht mit seinen Selbstbeschuldigungen an. Wäre er mit den Schriften Freuds und seiner Schüler irgendwie vertraut, so hätte er gleich gemerkt, daß er nur einen typischen Fall von schwerer Neurose darstellt, die wieder bloß infolge des Umstandes, daß er trotz seiner Belastung zu höchster literarischer Anerkennung gelangen konnte, von großer Bedeutung ist. May ist einer von jenen Neurotikern, die sich einbilden, sie seien Verbrecher gewesen und hätten sich erst zu Edelmenschen emporarbeiten müssen. Er hält darum auch die Erotik für verdammenswert und verurteilt aufs allerschärfste die Räuberromantik und die Schundromanfabrikation. Auch das muß man ihm verzeihen, dem die von gewissen chrowotischen[7] Akademikern erzeugten und als wissenschaftlich-geschichtliche Arbeiten ausposaunten Machwerke unbekannt geblieben sind. Dagegen gehalten wirkt der Schauerroman Rinando Rinaldini [sic!] wie eine abgeklärte ethnologische Studie Prof. Karl von den Steinens. Mich, der ich glücklicherweise von gesunden Vorfahren abstamme, die sich immer gut nähren konnten, ließen die chrowotisch-akademischen Wahnausgeburten ständig kalt, doch reizten sie mich öfters zu Satiren, während ich sie jetzt als Ausbrüche kranker Gehirne anders zu würdigen weiß. Vor drei Jahren suchte ich May auf, weil ich aus einigen seiner Erzählungen den großen Kenner der Erotik herausfühlte und ihn zum Mitarbeiter zu gewinnen hoffte. In seinem Buche, da deutet er sehr viel vom Schmutz und Sumpfe seines Heimatortes Ernsttal [sic!] an, und darüber hätte ich gern von ihm genaue Angaben gewünscht. Er versagte, weil ihm die Erinnerung daran wehe tat, doch munterte er mich zum Ausharren in meinen Studien auf. Er bewährte sich zu mir als ein feiner Psycholog und wir sind seither in freundschaftlichem Verkehr. Ich denke, es wäre für ihn am besten, er ließe seine Angreifer unbeachtet, anstatt sich über deren Geifer fortwährend aufzuregen. Sie sind seines Zornes nicht wert.

Andreas Graf spekuliert, dass Krauss von May Einblick in die Pollmer-Studie erhalten haben könnte und sich in seiner Rezension auch auf diese bezöge.[8]

Anmerkungen

  1. möglicherweise August Abels
  2. zitiert nach Gabriele Wolff: Ermittlungen in Sachen Frau Pollmer, S. 23f.; das Originalschreiben liegt im Karl-May-Archiv Bamberg
  3. Gabriele Wolff: Ermittlungen in Sachen Frau Pollmer, S. 24
  4. zitiert nach einer redaktionellen Notiz in den Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft Nr. 82/1989, S. 2
  5. auszugsweiser Nachdruck in Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft Nr. 8/1971, S. 35
  6. "Klarer und bedeutend wissenschaftlicher ist, was andere, objektivere Gelehrte über mich schreiben, z. B. der berühmte Psycholog und Volklorist Dr. Friedrich Krauß in Wien, der in einer Kritik meiner Autobiographie folgendermaßen schreibt", May: An die 4. Strafkammer, S. 122
  7. gemeint ist kroatisch
  8. Andreas Graf: Lektüre und Onanie. Das Beispiel des jungen Karl May, sein Aufenthalt auf dem Seminar in Plauen (1860/61) - und die Früchte der Phantasie. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1998, Endnote 139. (Onlinefassung)

Literatur

Informationen über Zeitgenossen Karl Mays finden Sie im Namensverzeichnis Karl May – Personen in seinem Leben von Volker Griese unter Mitwirkung von Wolfgang Sämmer.

Weblinks