Trost (Schacht und Hütte)

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Trost ist ein frühes Gedicht von Karl May.

Text

                                 Trost.
Horch, klopfte es nicht an die Pforte?
  Wer naht, von Himmelsduft umrauscht?
Woher des Trostes süße Worte,
  Auf die mein Herz voll Andacht lauscht?
    Wer neigt, wenn alle Sterne sanken,
      Mit mildem Licht und stiller Huld
    Sich zu dem Staub- und Erdenkranken?
      Es ist der Engel der Geduld.
"O laß den Gram nicht mächtig werden,
  Du tiefbetrübtes Menschenkind!
Wiß', daß die Leiden dieser Erden
  Des Himmels beste Gaben sind
    Und daß, wenn Sorgen Dich umwogen
      Und Dich umhüllt des Zweifels Nacht,
    Dort an dem glanzumfloss'nen Bogen
      Ein treues Vaterauge wacht!"
"O laß Dir nicht zu Herzen steigen
  Die langverhaltne Thränenfluth!
Wiß, daß grad in den schmerzensreichen
  Geschicken tiefe Weisheit ruht,
    Und daß, wenn sonst Dir Nichts verbliebe,
      Die Hoffnung doch Dir immer lacht,
    Da über Dich in ew'ger Liebe
      Ein treues Vaterauge wacht!"
"O wolle nie Dich einsam fühlen!
  Obgleich kein Aug' sie wandeln sah,
Die sorgenheiße Stirn zu kühlen
  Sind Himmelsboten immer da.
    Wer gern dem eignen Herzen glaubte,
      Der kennt des Pulses heilige Macht.
    Drum wiß, das über Deinem Haupte
      Ein treues Vaterauge wacht!"
"Drum füge Dich in Gottes Walten
  Und trag Dein Leid getrost und still.
Es muß im Dunkel sich gestalten,
  Was er zum Lichte führen will.
    Dann bringt der Glaube reichen Segen,
      Ob ihn der Zweifler auch verlacht,
    Daß über allen Deinen Wegen
      Ein treues Vaterauge wacht!"
                                                      Karl May.[1]

Textgeschichte

in Schacht und Hütte.

Das Gedicht Der blinde Bergmann erschien erstmals im September/Oktober 1875 in der Rubrik Allerlei der von Karl May redigierten Zeitschrift Schacht und Hütte, Nr. 7, S. 55 f.

in Neuer deutscher Reichsbote.

Vermutlich auf diesem Abdruck basiert die Edition des Gedichts im September 1880 im Kalender Neuer deutscher Reichsbote. Deutscher Haus- und Geschichts-Kalender. 1881 in Stolpen bei Julius Hanzsch, S. 82.

in Die Rose von Ernstthal.

In Karl Mays früher Erzählung Die Rose von Ernstthal (1874) wird das Gedicht nur teilweise zitiert, allerdings mit auffälligen Varianten zur oben angegebenen Fassung in den letzten beiden Strophen. Hier rezitiert es der Handwerksbursche Richard Goldschmidt bei seinem Meister:

Sie gingen nach unten, und fanden allerdings den Meister schon hinter der alten, umfangreichen Nürnberger Bilderbibel.
"Macht, daß Ihr kommt! Meine Alte lauert schon längst auf das heutige Evangelium, wir waren nicht in der Kirche. Auf den Richard brauchen wir leider nicht zu warten, der betet nie, sondern streift lieber mit seinem Jägerfranz, mit dem er dicke Freundschaft geschlossen hat, im Walde herum oder treibt droben in seiner Kammer Allotria. Aus dem wird nichts, und deshalb behalte ich auch meine Langgänghosen, die schön gekästelte Sammetweste und den braunen Schooßrock für mich selbst; er braucht sie auch gar nicht, denn heut früh ist er gleich in einem funkelnagelneuen Anzuge herunter gekommen."
Er rückte die Brille zurecht und verlas das Evangelium. Dann schlug er ein altes, vielgebrauchtes, in Schweinsleder gebundenes Gebetbuch auf, aus welchem er ein "Abendgebet für den Sonntag" buchstabirte und wollte eben nach dem "Amen" das Buch wieder schließen, als die Thür geräuschlos geöffnet wurde und der Geselle eintrat. Nach einem kurzen "Guten Abend" setzte sich derselbe an den Tisch, nahm dem Meister das Buch aus der Hand, blätterte einige Zeit suchend darin herum und begann dann mit fesselndem Ausdrucke:
  "Horch, klopfte es nicht an die Pforte?
[...]
  O, wolle nie Dich einsam fühlen,
    Obgleich kein Aug' sie wandeln sah.
  Die sorgenvolle Stirn zu kühlen
    Sind Himmelsboten immer da.
  Wer stets dem eig'nen Herzen glaubte,
    Der kennt des Pulses heil'ge Macht.
  Drum wiß, daß über Deinem Haupte
    Ein treues Vaterauge wacht!
  Und öffnet sich Dein Auge wieder
    Dem hellen, goldnen Sonnenstrahl,
  Steigt Dir des Lichtes Seraph nieder,
    Den Du ersehnt viel tausend Mal.
  O, wolle stets den Glauben hegen,
    Der Deiner Seele Trost gebracht,
  Daß über allen Deinen Wegen
    Ein treues Vaterauge wacht!"
Als er geendet hatte, schlug er das Buch wieder zu und verließ mit einem wie vorhin kurzen "Gute Nacht" die Stube.
Es war, als sei das Gedicht grad für die Seelenstimmung der Anwesenden geschrieben, und Niemand konnte den tiefen Eindruck, welchen die unerwartete Vorlesung gemacht hatte, verbergen. Der Meister war der Erste, welcher sprach.
"Nein aber, kann der Goldschmidt lesen; wer hätte ihm auch das noch zugetraut! Es ist wirklich schade um den Menschen, daß er sich Nächte lang draußen herumtreibt. Aber ich kenne doch das ganze Buch auswendig und habe das Gedicht noch nie gefunden. Ich muß nur einmal das Blatt aufschlagen, auf welchem es steht, es war grad bei dem rothen Einzeichen, welches ich gestern hineingelegt habe."
Er blätterte, aber vergebens.
"Ich glaube gar, er hat das Gedicht auch gleich so aus den Kopfe gemacht, wie er die Lieder alle macht, die er draußen im Garten singt, denn ich finde das Dings im ganzen Buche nicht. Es ist wirklich schade, jammerschade um den Kerl!"[2]

in Der Weg zum Glück.

Das Gedicht ist in variierter Form auch in Karl Mays Roman Der Weg zum Glück (18861888) zu finden, und zwar im 8. Kapitel Zweimal gerettet. Hier begegnet es im Gespräch zwischen Stephan und Hanna Held:

"Zwei Stuckerln bekommt die Muttern und zwei die Bas daneben. Die ist krank und kann fast gar nix mehr genießen. Vielleicht schmeckt ihr diese Conditoreien."
"Bist doch eine Gute!"
"O nein! Ich bin oft auch eine richtige Zuwiderwurzen, und die Mutter hat manche liebe Noth mit mir."
"Weiß schon, woher das kommt."
"Nun, woher?"
"Von dera Lieb, wanns warten muß. Man wird gar so leicht ungeduldig. Und noch Eins bring ich mit, was grad schön für uns paßt. In dera Stadt hab ich ein Bier trunken. Da lag ein Buch aus dem Tisch und ich las darinnen. Da stand das, was ich für Dich abschrieben hab. Soll ichs lesen?"
"Bitt schön, mein guter Stephan!"
Er faltete einen mit Bleistift beschriebenen Zettel auseinander uns las:
             "Trost.
  Horch, klopfte es nicht an die Pforte?
[...]
  Drum füge Dich in Gottes Walten,
    Und trag Dein Leid getrost und still.
  Es muß das Herz ihm stille halten,
    Wie ers zum Licht führen will."
Als er geendet hatte, sagte sie nichts. Sie lag an ihn gelehnt, den Kopf an seiner Schulter. Sie nahm das Papier aus seiner Hand, drückte es an ihr Herz und weinte leise vor sich hin.
Das war ein Scene so still, so ergreifend. Das waren zwei gute, herzliebe Menschen.[3]

1904 wurde dieses Gedicht von Adalbert Fischer in den Sammelband Sonnenstrahlen aus Karl Mays Volksromanen aufgenommen.

aktuelle Ausgaben

  • Karl May (Hrsg.): Schacht und Hütte. Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für Berg-, Hütten- und Maschinenarbeiter. Olms Presse HildesheimNew York 1979, S. 55 f. ISBN 3-487-08198-9 [Reprint]
  • Karl May: Ein wohlgemeintes Wort. Frühe Texte aus dem "Neuen deutschen Reichsboten" 1872–1886. Veröffentlichungen aus dem Karl-May-Archiv Band 2. Gauke Verlag Lütjenburg 1994, S. 120. ISBN 3-87998-631-2 [Reprint]

Aktuelle Ausgaben der Erzähltexte sind in der Bücherdatenbank zu finden:

Anmerkungen

  1. Schacht und Hütte, S. 55 f.
  2. Karl May: Die Rose von Ernstthal. In: Karl Mays Werke, S. 1802–1805 (vgl. KMW-I.3-3:12, S. 187 f.).
  3. Karl May: Der Weg zum Glück. In: Karl Mays Werke, S. 33072–33074 (vgl. KMW-II.29, S. 2145 f.).

Literatur

  • Peter Richter/Jürgen Wehnert: Einleitung. In: Karl May: Ein wohlgemeintes Wort. Frühe Texte aus dem "Neuen deutschen Reichsboten" 1872–1886. Veröffentlichungen aus dem Karl-May-Archiv Band 2. Gauke Verlag Lütjenburg 1994, S. 5-28, insb. S. 21 f. ISBN 3-87998-631-2

Weblinks