Werft von Euch fort den falschen Heil'genschein (Gedicht)

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Werft von Euch fort den falschen Heil'genschein ist ein Gedicht von Karl May.

Text

Werft von Euch fort den falschen Heil'genschein,
  Und borgt nicht mehr auf des Erlösers Namen.
Laßt uns vor allen Dingen Menschen sein,
  Damit wir Christen werden können. Amen![1]

Textgeschichte

Das Gedicht findet sich in der Reiseerzählung Und Friede auf Erden!, die zu Karl Mays Spätwerk gehört, und zwar im 5. Kapitel Der Shen-Ta-Shi. Eine Tafel in der Kapelle von Raffley Castle in Ocama hat dort diesen Vierzeiler als Inschrift:

"Als ich in dieses Land berufen worden war," fuhr er [nämlich Sir John Raffley] fort, "kam ich hier an, als man sich anschickte, den Grundstein zur Kapelle da zu legen. Ich wurde gebeten, mich mit einer kurzen Rede hieran zu beteiligen, und bereitete mich also rasch auf diese vor. Aber als ich kam und die beiden Tafeln sah, welche Sir John und Fu gewidmet hatten, damit sie unter den Grundstein versenkt würden, da verzichtete ich auf alle diese erst aufgeschriebenen und dann einstudierten Sätze und ließ nur ganz allein die Stimme meines Herzens sprechen. Es waren zwei kleine, nur vierzeilige Strophen, die ich auf diesen Tafeln las. Sir John hatte ein altes, christliches Gebetlein meißeln lassen, Fu aber eine eigene Antwort dazu. Ihr wißt wohl, daß er sich im Besitze der höchsten literarischen Ehren befindet und also gar wohl zu dichten versteht. Auf der ersten Tafel stand:
  'Christi Blut und Gerechtigkeit
  Ist mein Schmuck und Ehrenkleid;
  Damit will ich bei Gott bestehn,
  Wenn ich in den Himmel werd' eingehn. Amen!'
Die zweite Tafel war chinesisch; aber man sollte es in alle Sprachen übersetzen, obgleich es Vielen, Vielen nicht gefallen würde. Es lautete:
  'Werft von Euch fort den falschen Heil'genschein,
    Und borgt nicht mehr auf des Erlösers Namen.
  Laßt uns vor allen Dingen Menschen sein,
    Damit wir Christen werden können. Amen!'
Fu hat da nicht etwa allein für sich gesprochen, sondern im Namen seines ungeheuer großen Landes, im Namen der ganzen mongolischen Rasse, wahrscheinlich auch im Namen Aller, die nicht Kaukasier sind, und endlich ganz gewiß im Namen aller Derer, die Christi Gebot noch nicht vergessen haben, daß wir unsern Nächsten lieben sollen wie uns selbst! Alle diese Leute werden das Christentum nicht etwa nur auf sein Verhalten zu Gott hin prüfen, sondern vor allen Dingen dahin, ob es Den, dem es angeboten wird, in seinen angeborenen Menschenrechten schütze und ihn vor innerer und äußerer Vergewaltigung bewahre. Durch diese zweite Tafel wurde ich sofort nach meinem Eintreffen hier in die Anschauung dieses ganzen Reiches und seines Volkes eingeweiht. Wer anders schreibt und anders spricht, der kennt die Chinesen nicht, selbst wenn er Jahrzehnte lang bei ihnen gelebt hat. Die Volksseele offenbart sich nicht Jedermann, aber wenn sie es tut, dann ganz, mit einem Male!"
Als er jetzt wieder schwieg und hinüberschaute nach dem Sonnenspiel am Waldesrande, da schien er mir dem malajischen Priester so genau zu gleichen, als ob sie beide Brüder seien, die Söhne einer und derselben Mutter. Welche Mutter wäre da wohl gemeint? Er trat ganz an den Abhang, hob den Arm gegen Westen und sprach, als ob er da hinauszureden habe zu vielen, vielen Leuten in der Ferne:
"Ich wiederhole es, das ernste, schwere Warnungswort: Werft von Euch fort den falschen Heil'genschein, und borgt nicht mehr auf des Erlösers Namen. Laßt uns vor allen Dingen Menschen sein, damit wir Christen werden können. Amen! Das liegt hier eingemauert unter der Kapelle. Das ist hier in China der einzige, der allereinzige Boden, auf dem Ihr Eure christliche Kirche errichten könnt. Das sollte in riesengroßer, meilenweit zu lesender Schrift über allen Meerengen stehen, durch welche Ihr zu segeln und zu dampfen habt, wenn Ihr vom Westen nach dem Osten kommt, um Eure Seligkeit hier auszubreiten! Nur Menschen können Christen werden. Wer trotz aller seiner äußeren Kultur im Innern doch noch Anthro- Bestie ist, der bleibe ja daheim, denn es würde ihm ergehen, wie es morgen den Fan-Fan ergehen wird: Er macht sich lächerlich; er blamiert und schädigt seine eigene Rasse, sein eigenes Vaterland und seine eigene Religion, das herrliche, das ewig unvergleichliche Christentum!"[2]

aktuelle Ausgaben

Aktuelle Ausgaben der Reiseerzählung Und Friede auf Erden! sind in der Bücherdatenbank zu finden:

Anmerkungen

  1. Karl May: Und Friede auf Erden! In: Karl Mays Werke, S. 64760 (vgl. KMW-V.2, S. 590).
  2. Karl May: Und Friede auf Erden! In: Karl Mays Werke, S. 64759–64762 (vgl. KMW-V.2, S. 589–591).

Weblinks