Um die Wahrheit

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Ölgemälde Um die Wahrheit

Um die Wahrheit ist ein zehnteiliges Monumentalgemälde von Sascha Schneider. Es handelt sich dabei um ein Ölgemälde auf Leinwand. Das Bild ist Schneiders größtes Werk mit einer Länge zwischen 11 und 12 m und einer Höhe zwischen 4 und 6,5 m. Der heutige Verbleib ist unbekannt.

Geschichte

Das Gemälde Um die Wahrheit schuf Sascha Schneider im Jahre 1901[1] ohne speziellen Auftrag.[2] Im Winter 1901/02 war es erstmals auf einer Kunstausstellung in Leipzig zu sehen.[3]

Vom 1. bis 23. März 1902 wurde das Bild im Kunstsalon der Königlichen Hof-Kunsthandlung Emil Richter in der Prager Straße 13 in Dresden gezeigt.[4] Bereits am 2. März veröffentlichte Prof. Dr. Paul Max Weidenbach (* 13. April 1849; † 5. Juli 1909) im Dresdner Anzeiger eine ausführliche Besprechung des Gemäldes.[5]

Klara Plöhn besuchte – wahrscheinlich in Begleitung von Karl und Emma May – diese Ausstellung bald nach der Eröffnung und vermerkte am 5. März in ihrem Tagebuch:

Sascha Schneiders Bild "Um die Wahrheit" bei Richter angesehen. Mächtiger Geist![6]
Inserat im Dresdner Anzeiger

Weitere Kritiken des Gemäldes erschienen u. a. in folgenden Zeitungen und Zeitschriften:

Allein die Anzahl der Besprechungen weist auf die große Aufmerksamkeit hin, die Um die Wahrheit in der Öffentlichkeit erfuhr.

Direkt nach der Präsentation in Dresden wurde das Monumentalgemälde nach Düsseldorf transportiert, wo es im Dresdner Saal der Kunstausstellung gezeigt wurde.[8] 1903 folgte eine Ausstellung in Hamburg.[9] 1904 sollte das Bild bei der Weltausstellung in Saint Louis gezeigt werden. In einem Brief an Karl May vom 7. Februar 1904 schrieb Sascha Schneider dazu:

Der Künstler in seinem Weimarer Atelier,
im Hintergrund das Gemälde (um 1905)
Meine Collegen in der Centraljury für St. Louis haben einstimmig opponiert, dass Kreis mein U[m] d[ie] Wahrheit für seine Halle dort bekommt. Widerliche Bande, und was für geringe Sorte![10]

Später wurde das Bild durch Schneiders Mäzen Johannes Mühlberg (* 1869; † 1949) gekauft. Dieser wollte es 1918 dem Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein (* 1868; † 1937) überlassen, was aber durch die Folgen des Ersten Weltkriegs verhindert wurde.[11] Wenige Jahre darauf sollte es bei einer Ausstellung in Chicago gezeigt werden. Sascha Schneider äußerte sich dazu am 27. Februar 1920 in einem Brief an Karl Mays Witwe Klara:

Für Amerika halte ich aber den grossen Kampf "um die Wahrheit" für das Richtige. Das Bild ist 5 m. hoch und 11 m. breit, das wäre was für Chicago [...] Der Grossherzog von Hessen wollte es im Schlosse haben. Das Bild war gerade angekommen, da brach die Revolution aus. Jetzt habe ich es glücklich wieder.[12]

Klara May bemühte sich von da an um einen Käufer des Monumentalgemäldes, denn in einem an sie gerichteten Brief Schneiders vom 8. März 1920 heißt es:

Wegen der "Wahrheit". Danke Ihnen herzlichst!! Eine Besprechung Treus[13] existiert nicht mehr. Ich will aber eine andere durch Graf Hardenberg beschaffen. Hier gebe ich nur selber Data und kurze Erklärung zu[m] Photo bei, die ich extra absende.[14]

Dreieinhalb Jahre später war immer noch kein Interessent gefunden worden, wie aus dem Briefwechsel zwischen Klara Mays und Sascha Schneider im September 1923 hervorgeht.[15]

Um die Wahrheit kam daraufhin als Leihgabe in die Dresdner Gemäldegalerie, wo es allerdings nicht ausgestellt wurde. 1936, fast neun Jahre nach Sascha Schneiders Tod, bot Johannes Mühlberg das Bild im Hinblick auf die Olympischen Spiele der Nationalgalerie Berlin an, die aus Platzgründen jedoch ablehnte.[16]

Seitdem gilt das Bild als verschollen.

Motive

Einzelmotive

Folgende Beschreibung basiert – wo nicht anders angegeben – auf den Besprechungen von Weidenbach und Zimmermann.
Schneiders Gemälde Um die Wahrheit besteht aus zehn einzelnen Tafeln in zwei Zonen. Im oberen Teil sind sieben, unten drei Einzelbilder zu sehen, die folgende Motive zeigen (jeweils von links nach rechts):

  1. Jude und Grieche: Sie stellen den Widerstreit zwischen bilderfeindlichem Monotheismus und sinnenfrohem Polytheismus dar. Der links stehende Hebräer wurde als Porträt Heinrich Heines gedeutet.[17] Im rechts stehenden Hellenen mit der Opferschale erkannten verschiedene Betrachter entweder den Kunsthistoriker Georg Treu (* 1843; † 1921) oder den Theologen Johannes Werner.[18]
  2. Königin der Sinne: Die erschöpfte weibliche Gestalt vor dem wilden bacchantischen Tanz symbolisiert die Wahrheitssuche im sinnlichen Genuss.
  3. Krieger: Er versucht, sein Ziel durch Überlegenheit in physischer Kraft und Rüstung gewalttätig zu erringen.
  4. Personifikation der Wahrheit: Sie bildet das Zentrum des Bildes, ihr gilt das Streben aller Figuren des Gemäldes. Die Wahrheit ist hier als starres, unnahbares Götterbild in goldenem Prunk dargestellt.
  5. Greis und Knabe: Sie stellen die verschiedenen Lebensalter des Menschen dar und die daraus resultierenden verschiedenen Wege, die Wahrheit zu erreichen. Der arglose Junge geht offen lächelnd auf sein Ziel zu, der erfahrene Alte eher zaghaft mit verhülltem Antlitz.
  6. König des Geistes: Er verneigt sich ausschließlich vor der Wahrheit. Im Hintergrund sind als Wandinschriften die Buchtitel Also sprach Zarathustra und Jenseits von Gut und Böse zu lesen. Demnach ist hier ein Porträt Friedrich Nietzsches zu sehen.
  7. Revolutionär und Christus: Sie symbolisieren den Gegensatz zwischen Materialismus und Idealismus. Der links stehende Sozialdemokrat mit der roten Fahne wurde als Porträt des Bauernführers Thomas Müntzer (* um 1489; † 1525) gedeutet.[19]
  8. Fetischdiener: Der Schwarze steht für die Wahrheitssuche durch naturreligiöse Riten wie Zauberei und Ahnenkultus.
  9. Kampfszene: Das größte Einzelbild zeigt eine Gruppe von etwa zwanzig nahezu nackten Kämpfern als Symbol der Kriege um die Wahrheit. In dem ganz links stehenden Bogenschützen erkannten Paul Schumann[20] und Hansotto Hatzig[21] ein Selbstporträt Sascha Schneiders. Außerdem sollen unter den Kämpfenden auch Schneiders Malerkollegen Richard Müller (* 1874; † 1954) und Oskar Zwintscher (* 1870; † 1916) dargestellt sein.[22]
  10. Perser und Babylonier: Hier sind die Vertreter zweier antiker Religionen zu sehen; der Anbeter des Lichts neben dem Diener des Moloch. Im links stehenden altpersischen Priester mit dem Sonnenbild sieht Hatzig den russischen Schriftsteller Leo Tolstoi (* 1828; † 1910).[23]

Verwendung in Karl Mays Werk

Nach Hansotto Hatzig[24] und Dieter Sudhoff[25] war Sascha Schneiders Um die Wahrheit das Vorbild für Karl Mays Beschreibung des Hohen Hauses im 4. Kapitel der Reiseerzählung Im Reiche des silbernen Löwen III:

Es zog meine Blicke förmlich zu sich hinüber, und es kostete mich eine Art von Selbstüberwindung, sie schließlich davon abzuwenden, weil ich den Anblick nicht langsam, nach und nach entstehen, sondern plötzlich, auf einmal, in seiner ganzen Ungeteiltheit auf mich wirken lassen wollte.
[...] ich sah eine in Stein laut tönende Predigt der Jahrtausende vor mir liegen. War sie häßlich, war sie schön? Das fragte ich mich nicht. Ich sah und hörte sie zu mir herüberklingen, in Tönen, die so gewaltig waren, daß für Stilfragen weder Zeit noch Raum in mir gefunden wurde. Die Wirkung war da; was kümmerte mich der Stil!
[...] Hier aber lag ein Bau vor mir, zu dem in unberechenbarer Vorzeit der Grund gelegt worden war; die später Gekommenen hatten ihn fortgesetzt, und heut sah ich, daß er noch fortzusetzen war. Also kein Ueberrest aus einer vergangenen, besonderen Epoche, sondern ein steinernes Kalenderwerk von Anbeginn bis auf die Gegenwart, mit Raum auch noch für die zukünftige Zeit![26]

Kritiken

Paul Weidenbach zog in seinem am 2. März 1902 im Dresdner Anzeiger erschienenen Aufsatz nach ausführlicher Beschreibung der einzelnen Tafeln das Resümee:

Die Reinheit der Wahrheitsidee ist dahin – Gewalt, List und blutige Ungerechtigkeit heften sich an sie! So hat stets Religion gewüthet wider Religion [...], ganz zu schweigen von den blutigen Fehden innerhalb jedes Bekenntnisses – mit Feuer und Schwert vertilgen sich die Menschen im Namen der Wahrheit, und der Fanatismus sorgt dafür, daß das Blut in Strömen fließt [...] Das ist es, was Sascha Schneider in seinem neuesten Bilde uns sagen will – sicherlich eine geschichtliche Wahrheit, wenn auch keine freudig erhebende, sondern eine tief erschütternde![27]

Paul Schumann, der Chefredakteur des Anzeigers und spätere Widersacher Karl Mays, äußerte sich zehn Tage später zu Schneiders Gemälde und zu Weidenbachs Erklärung:

[...] "Um die Wahrheit" ist eine Zusammenstellung von allegorischen Gestalten. Sie ist ohne Erklärung auch für den, der sich ernstlich mit dem Bilde beschäftigt, schwerlich verständlich; die Erklärung aber suggerirt dem Beschauer Dinge, die in der Darstellung selbst nicht oder unvollkommen ausgedrückt sind. [...] Wir sehen, es ist eine ziemlich bunte Gesellschaft, die sich da um die Wahrheit bemüht [...] Nur in sehr künstlicher Weise läßt sich ein Zusammenhang zwischen diesen Gruppen herstellen. Ein klarer Grundgedanke ist nicht erkennbar. [...] Bei all diesem Tadel wollen wir nicht verkennen, daß in Sascha Schneiders Bilde eine Leistung vorliegt, die von des Künstlers hohem und ernstem Streben zeugt.[28]

Ein mit S. C. abgekürzter Autor schrieb am 16. März 1902 in der Dresdner Kunst- und Theaterzeitung zu diesem Gemälde:

Ob es formal oder inhaltlich befriedigt oder enttäuscht, ob es in seiner ästhetischen Hinsicht Genuß zu gewähren vermag, bei allem Für und Wider, bei Anerkennung und Tadel wird wohl niemand das Werk ohne jenes Gefühl der Hochachtung betrachten, welches man einer jeden großen That willig entgegenbringt.[29]

Die erste Nummer der Schriftenreihe des Karl-May-Museums äußerte sich Klaus Hoffmann zu diesem Gemälde:

Sascha Schneider hatte ein faszinierendes Thema künstlerisch umgesetzt, das die Menschheit seit Jahrtausenden bewegt: die Suche nach der Wahrheit. [...] welcher zeitgenössische Künstler hatte schon eines einzigen wuchtigen Bildes wegen eine derartige Presse? Dem wuchtigen Eindruck des Gemäldes vermochte sich selbst der schärfste Kritiker nicht zu entziehen [...][30]

Anmerkungen

  1. Range: Zwischen Max Klinger und Karl May, S. 50, Anm. 178.
  2. Hatzig: Karl May und Sascha Schneider, S. 36.
  3. Range: Zwischen Max Klinger und Karl May, S. 50, Anm. 178.
  4. Günther/Hoffmann: Sascha Schneider & Karl May, S. 36.
  5. Sudhoff: Um die Wahrheit, S. 6.
  6. Zitiert nach: Sudhoff: Um die Wahrheit, S. 6.
  7. Sudhoff: Um die Wahrheit, S. 16, Anm. 16.
  8. Günther/Hoffmann: Sascha Schneider & Karl May, S. 36.
  9. Range: Zwischen Max Klinger und Karl May, S. 50, Anm. 178.
  10. Steinmetz/Vollmer: Briefwechsel mit Sascha Schneider, S. 43 f.
  11. Range: Zwischen Max Klinger und Karl May, S. 50, Anm. 178.
  12. Steinmetz/Vollmer: Briefwechsel mit Sascha Schneider, S. 375.
  13. Georg Treu (1843-1921), Kunsthistoriker und Direktor der Königlichen Skulpturensammlung im Dresdner Albertinum; förderte Schneider während dessen Studiums an der Dresdner Kunstakademie. [...]
  14. Steinmetz/Vollmer: Briefwechsel mit Sascha Schneider, S. 380; dort auch die vorige Fußnote.
  15. Vgl. Steinmetz/Vollmer: Briefwechsel mit Sascha Schneider, S. 449-452.
  16. Range: Zwischen Max Klinger und Karl May, S. 50, Anm. 178.
  17. So Hatzig: Karl May und Sascha Schneider, S. 37.
  18. Vgl. Sudhoff: Um die Wahrheit, S. 15, Anm. 11.
  19. So Hatzig: Karl May und Sascha Schneider, S. 37.
  20. Zitiert in: Sudhoff: Um die Wahrheit, S. 13.
  21. Hatzig: Karl May und Sascha Schneider, S. 37.
  22. Hatzig: Karl May und Sascha Schneider, S. 37.
  23. Hatzig: Karl May und Sascha Schneider, S. 37.
  24. Hatzig: Karl May und Sascha Schneider, S. 36.
  25. Sudhoff: Um die Wahrheit, S. 11.
  26. Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen III. In: Digitale Bibliothek Band 77: Karl Mays Werke, S. 65474 und 65484, vgl. KMW-V.3, S. 494 und 501 f.
  27. Zitiert nach: Sudhoff: Um die Wahrheit, S. 10.
  28. Zitiert nach: Sudhoff: Um die Wahrheit, S. 13 f.
  29. Zitiert nach: Günther/Hoffmann: Sascha Schneider & Karl May, S. 37.
  30. Günther/Hoffmann: Karl May & Sascha Schneider, S. 36.

Literatur

Weblinks