Sei mir gegrüßt, du lieber Himmelsstrahl (Gedicht)

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Sei mir gegrüßt, du lieber Himmelsstrahl ist ein Gedicht von Karl May.

Text

Sei mir gegrüßt, du lieber Himmelsstrahl,
in dem mein Engel zu mir niedersteigt;
leg dich verklärend um die Erdenqual,
wenn sterbend sie das Haupt am Kreuze neigt!
Sei mir gegrüßt! Laß mich im Glauben sehn,
daß jene Liebe, welche litt,
nachdem die Kreuzigung an ihr geschehn,
im neuen Leibe vor die Jünger tritt!
Er ging durchs Land, wie nur die Liebe geht,
die keinen Hader um den Himmel kennt,
weil jede Kerze, die am Altar steht,
wie alle andern nur nach oben brennt.
Er brachte sich der ganzen Menschheit dar,
nicht einem auserwählten Volk allein,
und weil sein Reich nicht von der Erde war,
kann es auch jetzt nicht von der Erde sein!
Er kam und ging wie dieses milde Licht,
willkommen, gern gesehn an jedem Ort;
ein Evangelium sein Angesicht,
sprach er als Vorbild sein Erlösungswort.
O du, der selbst den Schächer nicht verwarf,
den Mörder, der an deiner Seite hing,
wo ist ein Mensch, von dem ich sagen darf,
er sei für deinen Himmel zu gering?!
Wer war's, der sich in Herrlichkeit und Pracht
den Tempel der Unendlichkeit gebaut,
wo Stern an Stern die Größe und die Macht
des Schöpfers in dem Glanz von Sonnen schaut?
Wer war's, der auf die Erde niederfuhr
auf Allmachtsflügeln am Beginn der Zeit,
in jeden Wurm zu legen eine Spur
der Weltensehnsucht nach der Ewigkeit?
Wer war's, wer ist's, nach dem dies Sehnen bangt
in jedes Menschen, jedes Heiden Brust,
in der das Herz dorthin zurückverlangt,
wo es sich in der Heimat einst gewußt?
Der Priester trägt die Liebe wohl hinaus;
was aber ist es, was der Andre bringt?
Du lieber Mann, bleib immerhin zu Haus,
weil deine Liebe doch im Haß verklingt!
Du glaubst an deine heilge Mission,
jedoch die Welt da draußen traut ihr nicht.
Vergeblich klingt dein Wort in Christi Ton,
weil Eure Tat in andrem Tone spricht![1]

Textgeschichte

Das Gedicht findet sich in der Reiseerzählung Et in terra pax/Und Friede auf Erden! (1901/1904), die zu Karl Mays Spätwerk gehört. Es ist eins der Gedichte, die der Missionar Waller im Wahnsinn auf seinem Krankenbett spricht:

Ich stellte mich schon gleich nach 10 Uhr mit Tsi bei Waller ein. Mary, die bis jetzt bei ihm gewesen war, ging schlafen. Der Kranke lag geschlossenen Auges auf seinen Kissen. Ob er wirklich schlief, konnten wir nicht unterscheiden. Es war, wie bereits gesagt, alles nicht in eine Krankenstube Passende aus der Kajüte entfernt werden. Das Bild der "Yin" aber hing noch an der Wand. Ich hatte von Mary und Tsi gehört, daß es die Augen Wallers, so oft er wache, mit unwiderstehlicher Gewalt auf sich ziehe. Wir legten den Schleier über das elektrische Licht und setzten uns hinaus vor die offene Tür. Es schien außer uns, dem Steurer und der Deckwache auf dem Schiffe sich Jedermann zur Ruhe gelegt zu haben. Der Mond war erst vor kurzem aufgegangen. Er warf den Schatten der Kajüte quer über das Deck und schaute durch die breiten Glasscheiben in das Innere derselben. Sein Schein fiel auf die Füße des Schläfers und rückte langsam an der still ruhenden Gestalt desselben empor. Der auf dem Lichte liegende Schleier konnte die Glasglocke nicht ganz bedecken; es gab da, wo sie gehalten wurde, eine Lücke, durch welche das Licht hinüber auf das Bild der Chinesin fiel und es fast wie ein lebendes Wesen plastisch hell aus dem umgebenden Schatten hervortreten ließ. Das sah so unirdisch aus. Ich dachte unwillkürlich an die Fee, von welcher Raffley zu Mary gesprochen hatte. Tsi schien denselben Eindruck wie ich zu empfinden. Seine Augen hingen an dem Innern der Kajüte, und er flüsterte mir zu:
"Wie das Geheimnis bannt! Ist es Körper, oder ist es Seele? Es scheint, daß hier ein Ort der Offenbarung sei! Der Mond sucht nach dem Angesicht des Kranken. Man sollte ahnen, daß dieses süße, weiche Licht ihm Botschaft bringen wolle!"
Ich antwortete nicht, konnte aber auch den Blick nicht von dieser Szene wenden. Das Bild sah lächelnd auf den Schlummernden nieder und schien die Lippen zu bewegen. Der Schein des Mondes schmiegte sich weiter und weiter an seiner Gestalt empor. Jetzt legte er sich ihm schon auf die Brust; dann berührte er das Kinn, den Mund; er kam bis an das Auge, und nun geschah, was Tsi erwartet hatte: der Kranke begann zu sprechen, erst flüsternd und für uns nicht verständlich; dann aber, als der Mond das ganze Gesicht, auch Stirn und Haar beschien, hörten wir deutlich, was er sagte:
"Sei mir gegrüßt, du lieber Himmelsstrahl, in dem mein Engel zu mir niedersteigt; leg dich verklärend um die Erdenqual, wenn sterbend sie das Haupt am Kreuze neigt! Sei mir gegrüßt! Laß mich im Glauben sehn, daß jene Liebe, welche litt, nachdem die Kreuzigung an ihr geschehn, im neuen Leibe vor die Jünger tritt!"
Als er hierauf schwieg, sagte Tsi leise zu mir:
"Ich vermutete ganz richtig: das Mondlicht hat ihm die Vision gebracht. Wahrscheinlich bringt er jetzt nun das Gedicht."
Diese Voraussage bewahrheitete sich. Nach einiger Zeit fuhr Waller langsam und jedes Wort betonend, in den beiden Zeilen fort:
  "Tragt Euer Evangelium hinaus,
  Indem Ihrs lebt und lehrt an jedem Orte!"
Hierauf flüsterte er wieder wie vorher. Wir hörten nur den Namen Jesus deutlich. Dann erhob er die Stimme wieder und sprach:
"Er ging durchs Land, wie nur die Liebe geht, die keinen Hader um den Himmel kennt, weil jede Kerze, die am Altar steht, wie alle andern nur nach oben brennt. Er brachte sich der ganzen Menschheit dar, nicht einem auserwählten Volk allein, und weil sein Reich nicht von der Erde war, kann es auch jetzt nicht von der Erde sein!"
Tsi griff nach meiner Hand und drückte sie; ich verstand ihn, obgleich er dazu schwieg. Jetzt wendete der Kranke sein Gesicht dem Fenster zu, durch welches der Strahl des Mondes fiel, so daß es fast tagesdeutlich vor unsern Augen lag. Er lächelte wie Einer, der etwas unendlich Liebes schaut, indem er sich von Neuem hören ließ:
"Er kam und ging wie dieses milde Licht, willkommen, gern gesehn an jedem Ort; ein Evangelium sein Angesicht, sprach er als Vorbild sein Erlösungswort. O du, der selbst den Schächer nicht verwarf, den Mörder, der an deiner Seite hing, wo ist ein Mensch, von dem ich sagen darf, er sei für deinen Himmel zu gering?!"
Es war so unbeschreiblich, ihn zu hören. Nie waren mir Menschenworte so tief wie diese in das Herz gedrungen. Das nun folgende längere Schweigen ließ uns ihren Eindruck ganz und voll empfinden. Dann erklang es wieder langsam und rezitierend:
  "Und alle Welt sei Euer Gotteshaus,
  In welchem Ihr erklingt als Engelsworte."
Er wartete hier gar nicht, sondern fügte in einer Weise, als ob er nun etwas sehr Wichtiges zu sagen habe, sofort hinzu:
"Wer war's, der sich in Herrlichkeit und Pracht den Tempel der Unendlichkeit gebaut, wo Stern an Stern die Größe und die Macht des Schöpfers in dem Glanz von Sonnen schaut? Wer war's, der auf die Erde niederfuhr auf Allmachtsflügeln am Beginn der Zeit, in jeden Wurm zu legen eine Spur der Weltensehnsucht nach der Ewigkeit? Wer war's, wer ist's, nach dem dies Sehnen bangt in jedes Menschen, jedes Heiden Brust, in der das Herz dorthin zurückverlangt, wo es sich in der Heimat einst gewußt?"
Schon früher hatte ich es bemerkt, und jetzt hörte ich es wieder, daß er immer einen kleinen Teil des Gedichtes und dann die Erklärung hierauf brachte. Was er soeben gesagt hatte, bezog sich auf "alle Welt sei Euer Gotteshaus". Von dem, was nun kam, war anzunehmen, daß es sich auf "In welchem Ihr erklingt als Engelsworte" beziehen werde. Und richtig; er fuhr fort:
"Der Priester trägt die Liebe wohl hinaus; was aber ist es, was der Andre bringt? Du lieber Mann, bleib immerhin zu Haus, weil deine Liebe doch im Haß verklingt! Du glaubst an deine heilge Mission, jedoch die Welt da draußen traut ihr nicht. Vergeblich klingt dein Wort in Christi Ton, weil Eure Tat in andrem Tone spricht!"
Das klang so schwer, so gewichtig, so vorwurfsvoll, so strafend. Nun war er still, lange, lange Zeit.[2]

aktuelle Ausgaben

Aktuelle Ausgaben der Reiseerzählung sind in der Bücherdatenbank zu finden:

Anmerkungen

  1. Karl May: Und Friede auf Erden! In: Karl Mays Werke, S. 64575–64578 (vgl. KMW-V.2, S. 444–446); hier im Fließtext.
  2. Karl May: Und Friede auf Erden! In: Karl Mays Werke, S. 64574–64578 (vgl. KMW-V.2, S. 443–446).

Weblinks