O, falte mir die Hände jetzt (Gedicht)

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O, falte mir die Hände jetzt ist ein Gedicht von Karl May.

Text

O, falte mir die Hände jetzt;
ich will zum Vater treten.
Ich habe sein Gebot verletzt
und muß um Gnade beten.
Ich danke dir; es ist geschehn;
du gabst mir frommes Zeichen
und sollst, um beten mich zu sehn,
mit mir zum Himmel steigen![1]

Textgeschichte

Das Gedicht findet sich in der Reiseerzählung Et in terra pax/Und Friede auf Erden! (1901/1904), die zu Karl Mays Spätwerk gehört. Es ist eins der Gedichte, die der Missionar Waller im Wahnsinn auf seinem Krankenbett spricht:

War es die Hand des Traumes, des Fiebers, des Wahnsinnes, welche alle Spuren der Qual, des Leides aus dem armen, eingefallenen Gesicht strich? Es lag so rührend ergeben, so zufrieden lächelnd da, fast selbst wie eine Vision, auf dem hellen, weichen Kissen! Erst nach längerer Zeit verstand ich wieder, was er sagte, ein bittendes Wort:
"O, falte mir die Hände jetzt; ich will zum Vater treten. Ich habe sein Gebot verletzt und muß um Gnade beten."
Ich sah gespannt zu ihm hin. Seine Hände näherten sich einander; sie falteten sich, aber nicht als ob er dies selbst tue, sondern als ob sie ihm, Finger um Finger, von einer mir unsichtbaren Person zusammengelegt würden. Dann flüsterte er:
"Ich danke dir; es ist geschehn; du gabst mir frommes Zeichen und sollst, um beten mich zu sehn, mit mir zum Himmel steigen!"
Nach diesen Worten war es mir, als müsse ich das Flügelrauschen Derer vernehmen, welche, von mir ungesehen, herbeischwebten, um sein Gebet in Empfang zu nehmen und dorthin zu tragen, wo alle Gebete der Menschenkinder zum Herzen des Vaters klingen, um in demselben für ewig aufbewahrt zu werden. Auch ich faltete meine Hände, denn es war ein heiliger Augenblick, so unwiderstehlich ergreifend, daß gewiß auch jeder Andere an meiner Stelle ganz dasselbe getan hätte, was zu unterlassen mir unmöglich war.
"Amen!" erklang es nach einiger Zeit. Er fügte noch ein zweites, lauteres "Amen!" hinzu, und dann – – – habe ich nie in meinem Leben ein Gesicht gesehen, auf welchem der innere Friede sich schöner und deutlicher ausgedrückt hätte, als auf dem seinigen. Von jetzt an lag er still, und die ruhigen, regelmäßigen Atemzüge ließen vermuten, daß er eingeschlafen sei.[2]

aktuelle Ausgaben

Aktuelle Ausgaben der Reiseerzählung sind in der Bücherdatenbank zu finden:

Anmerkungen

  1. Karl May: Und Friede auf Erden! In: Karl Mays Werke, S. 64525 (vgl. KMW-V.2, S. 404 f.); hier im Fließtext.
  2. Karl May: Und Friede auf Erden! In: Karl Mays Werke, S. 64525 f. (vgl. KMW-V.2, S. 404 f.).

Weblinks