Johanne Christiane Kretzschmar

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Johanne Christiane Kretzschmar (* 15. September 1780; † 19. September 1865) war Karl Mays legendäre "Märchen"-Großmutter. Sie betreute den kleinen Karl in dessen ersten Lebensjahren.

Leben

Ihre Eltern waren Maria Rosine geb. Bäumler (* 1759; † 1820) und Karl Friedrich Kretzschmar (* 1760; † 1825). Sie hatte noch einen Bruder Carl Friedrich Kretzschmar (* 1791; † 1878).

In erster Ehe (1803-18) war sie mit dem Webergesellen Christian Friedrich May (* 1779; † 1818) verheiratet, in zweiter Ehe dann ab 1822 mit dem Weber Christian Traugott Vogel (* 1783; † 1826). Heinrich August May, ihr Sohn, war ein außereheliches Kind. Sie hatte noch eine Tochter, Christiane Wilhelmine May (* 1803; † 1861).

Zu ihrem Enkel Karl hatte sie eine enge Beziehung. Sie wohnte spätestens seit Anfang 1844 mit im Haus (Erdgeschoss) und kümmerte sich um den kränklichen Jungen. Karl May, der 1865 gerade einsaß, wurde ihr Tod verschwiegen. Er erfuhr davon erst 1868 nach seiner Entlassung.

Biograf Karl May

In seiner Autobiografie zeichnete May ein Bild von ihr, das Überprüfungen nicht vollständig standhielt:

Sie war die Tochter bitter armer Leute, hatte die Mutter früh verloren und einen Vater zu ernähren, der weder stehen noch liegen konnte und bis zu seinem Tode viele Jahre lang an einen alten, ledernen Lehnstuhl gefesselt und gebunden war. Sie pflegte ihn mit unendlicher, zu Tränen rührender Aufopferung. Die Armut erlaubte ihr nur das billigste Wohnen. Das Fenster ihrer Stube zeigte nur den Gottesacker, weiter nichts. Sie kannte alle Gräber, und sie bedachte für sich und ihren Vater nur den einen Weg, aus ihrer dürftigen Sterbekammer im Sarge nach dem Kirchhofe hinüber. Sie hatte einen Geliebten, der es brav und ehrlich mit ihr meinte; aber sie verzichtete. Sie wollte nur ganz allein dem Vater gehören, und der brave Bursche gab ihr Recht. Er sagte nichts, aber er wartete und blieb ihr treu. [...] Der Vater starb infolge einer Reihe von Blutstürzen. Die Pflege war so anstrengend, daß auch die Tochter dem Tode nahe kam, doch überstand sie es. Nach verflossener Trauerzeit kam May, der treue Geliebte, und führte sie heim. Nun endlich, endlich wirklich glücklich! Es war eine Ehe, wie Gott sie will. Zwei Kinder wurden geboren, mein Vater und vor ihm eine Schwester, welche später einen schweren Fall tat und an den Folgen desselben verkrüppelte. Man sieht, daß es an Heimsuchungen, oder sagen wir Prüfungen, bei uns nicht fehlte. Und ebenso sieht man, daß ich nichts verschweige. Es darf nicht meine Absicht sein, das Häßliche schön zu malen. Aber kurz nach der Geburt des zweiten Kindes trat jenes unglückliche Weihnachtsereignis ein, welches ich bereits erzählte. Der brave junge Mann stürzte des Nachts mit den Broten in die tiefe Schneeschlucht und erfror. Großmutter hatte mit ihren beiden Kindern an den Christtagen nichts zu essen und erfuhr erst nach langer Zeit der Qual, daß und in welch schrecklicher Weise sie den geliebten Mann verloren hatte. Hierauf kamen Jahre der Trauer und dann die schwere Zeit der napoleonischen Kriege und der Hungersnot. Es war Alles verwüstet. Es gab nirgends Arbeit. Die Teuerung wuchs; der Hunger wütete. [...] Dieser Eine schickte auch noch andere, bessere Hilfe. Einem abseits wohnenden Oberförster, den man als ebenso wohlhabend, wie edeldenkend kannte, war die Frau gestorben. Sie hatte ihm eine sehr reichliche Anzahl Kinder hinterlassen. Er wünschte Großmutter zur Führung seiner Wirtschaft zu haben. Sie hätte in dieser Zeit der Not nur zu gern eingewilligt, erklärte aber, sich von ihren eigenen Kindern unmöglich trennen zu können, selbst wenn sie einen Platz, sie unterzubringen, hätte. Der brave Mann besann sich nicht lange. Er erklärte ihr, es sei ihm gleich, ob sechs oder acht Kinder bei ihm äßen; sie würden alle satt. Sie solle nur kommen, doch nicht ohne sie, sondern mit ihnen. Das war Rettung in der höchsten Not!
Der Aufenthalt in dem stillen, einsamen Forsthause tat der Mutter und den Kindern wohl. Sie gesundeten und erstarkten in der besseren Ernährung. Der Oberförster sah, wie Großmutter sich abmühte, ihm dankbar zu sein und seine Zufriedenheit zu erringen. Sie arbeitete fast über ihre Kraft, fühlte sich aber wohl dabei. Er beobachtete das im Stillen und belohnte sie dadurch, daß er ihren Kindern in jeder Beziehung dasselbe gewährte, was die seinen bekamen. Freilich war er Aristokrat und eigentlich stolz. Er aß mit seiner Schwiegermutter allein. Großmutter war nur Dienstbote, doch aß sie nicht in der Gesinde-, sondern mit in der Kinderstube. Als er aber nach längerer Zeit einen Einblick in ihr eigenartiges Seelenleben erhielt, nahm er sich ihrer auch in innerer Beziehung an. Er erleichterte ihr die große Arbeitslast, erlaubte ihr, ihm und seiner Schwiegermutter des Abends aus ihren Büchern vorzulesen, und gestattete ihr, dann auch in seine eigenen Bücher zu schauen [...] Sie kehrte nach Ernsttal zurück und hatte nun wieder jeden Pfennig direkt zu verdienen, den sie brauchte. Ein braver Mann, der Vogel hieß und auch Weber war, hielt um ihre Hand an. Jedermann redete ihr zu, sie müsse ihren Kindern doch einen Vater geben; das sei sie ihnen schuldig. Sie tat es und hatte es nicht zu bereuen; war aber leider schon nach kurzer Zeit wieder Witwe. Er starb und hinterließ ihr alles, was er besessen hatte, die Armut und den Ruf eines braven, fleißigen Mannes.[1]

Biograf Hans Zesewitz

Sie wurde am 15. September 1780 in Ernstthal geboren ... Ihre Eltern waren bitterarm, die Mutter früh gestorben; die Pflege des jahrelang gelähmten, in einen Lehnstuhl gefesselten Vaters rieb das junge Mädchen fast auf. Sie muß auf der Hohen Straße gewohnt haben in einer Stube mit nur einem Fenster, das ihr den Gottesacker zeigte ... Als der Vater infolge einer Reihe von Blutstürzen endlich starb, heiratete Johanne Christiane am 11. Mai 1803 den Weber Christian Friedrich May. Als sie ihren Sohn Heinrich August May am 18. September 1810 gebar, sagt das Kirchenbuch: "Der Schwängerer soll ein Unbekannter gewesen sein". Darnach hat bei der Geburtsanmeldung Christian Friedrich May seine Vaterschaft bestritten. Der Vater Karl Mays ist demnach ein uneheliches Kind, das den Namen May aber erhielt, weil seine Mutter eine verehelichte May war. Folglich scheidet der in der Schneeschlucht bei Oberlungwitz Verunglückte als Großvater des Dichters aus. Den wirklichen Großvater Karls läßt das Kirchenbuch nur vermuten. Noch bei zwei anderen Geburten im Jahre 1810 steht nämlich die Bemerkung: "Der Schwängerer soll ein Unbekannter sein", bei einer vierten Eintragung von 1810: "Der Schwängerer ist ein bayrischer Soldat." Also kann Karls Großvater unter Umständen ein Bayer gewesen sein; während der Napoleonischen Kriege war Ernstthal steter Durchzugsort von Rheinbundtruppen. Dieses Dunkel wird sich natürlich niemals lüften lasen. – Nach dem im Jahr 1818 erfolgten Tod ihres Gatten verheiratete sich Karls Lieblingsgroßmutter am 3. Februar 1822 nochmals, mit Christian Traugott Vogel, der aber bereits am 14. März 1826 starb. Nun lebte sie beinahe noch vierzig Jahre als Witwe. Ihr Lebensinhalt war die Pflege und Erziehung der vierzehn Kinder ihres Sohnes Heinrich August, der sich am 1. Mai 1836 mit Christiane Wilhelmine Weise aus Hohenstein verheiratete.[2]

Der Vater ihres Sohnes

Zu Mays Großvater väterlicherseits gibt es leider nur wenige Fakten.

  1. Den Eintrag im Taufregister Der Schwängerer soll ein Unbekannter sein.[3]
  2. Einen Eintrag am ersten Advent 1826 im Konfitentenbuch über den Abendmahlsgang von H. A. May.[4]
  3. Eine Mitteilung des Pfarramts Hohenstein an das Pfarramt Ernstthal wegen des Aufgebots anlässlich der Eheschließung von H. A. May mit der Aussage des weil. Chr. F. Mai ... allhier hinterlassenem ehelich einzigen Sohn.[5]
  4. Er führte den Namen Heinrich August May und nicht Kretzschmar. So wird z.B. im Aufgebot zur Eheschließung zwischen Karl May und Emma Pollmer als Name H. A. May angegeben.[6]

Zur Oberförster-Spekulation: Da laut Karl Mays Selbstbiografie Mein Leben und Streben seine Großmutter mit beiden Kindern in das Forsthaus zog (s.o.), war der Sohn Heinrich August zu dem Zeitpunkt offenbar bereits geboren.

Erwähnungen und Spiegelungen im Werk

In den Schilderungen Mays wird sie extrem glorifiziert und dient als Vorbild mehrerer Romanfiguren:

Ich hatte eine Großmutter, die konnte so lieb, so lieb von ihrem Herrgott, vom Himmel, von den Engeln, vom Glauben, von der Liebe und der Seligkeit dort über den Sternen sprechen. Ich war ihr Lieblingsenkel und - ich habe das von ihr geerbt. Sie ist jetzt droben bei dem, an den sie glaubte; ich aber spreche an ihrer Stelle weiter.[7]
Als ich ein kleiner Knabe war, war ich blind, und erst später habe ich das Augenlicht wieder gewonnen. Damals nun, als Blinder, wurde ich von meiner alten Großmutter betreut. Sie besass ein altes arabisches Märchenbuch, und aus diesem musste sie mir immer und immer wieder vorlesen. Da ich keinen Menschen sehen konnte, bildete ich mir in meiner Phantasie die Menschen selbst. Wenn ich nun damals als kleiner Blinder des Abends an dem grossen Kirchentor sass, versammelte sich um mich die halbe Kindergemeinde, und ich begann ihnen die Geschichten, die ich mir aus dem alten Märchenbuche der Grossmutter, aus dem sie mir vorlas, gemerkt hatte, zu erzählen. Darum nannten mich die Leute den kleinen Märchenerzähler - und mir war es damals recht; und heute sagt es mir, wie eigentlich die phantastische Welt, die ich sah, und die Freude am Erzählen in mir entstand. Wie lebendig dieses innere Schauen in den Kindestagen war, geht auch daraus hervor: So lange ich blind war, erschienen mir die verschiedenen Gestalten auch im Traume, und wenn ich dann, sobald sie zu schreckhaft waren, verängstigt erwachte, rief ich: Grossmutter, wachst du noch? Ich träume nicht gern allein! [8]
Wie oft hatte ich lauschend und mit stockendem Atem auf dem Schoße meiner alten, guten, frommen Großmutter gesessen, wenn sie mir erzählte...[9]

Einige May-Experten vermuten hinter der Personenbeschreibung ein Bild der Mutter Mays.

im Film

Karl und seine Großmutter in der TV-Serie

In der TV-Serie "Karl May" von 1992 wird die Märchengroßmutter von Evamaria Bath gespielt.

Sonstiges

Während der Orientreise (in der Nacht auf den 26. September 1899)[10] schrieb May ein Gedicht Meiner guten Oberboden-Großmutter, das er ihr widmete.

Anmerkungen

  1. Karl May: Mein Leben und Streben, 1910, S. 21 ff. (Kapitel "Meine Kindheit").
  2. Hans Zesewitz: "Alte Urkunden sprechen", Karl-May-Jahrbuch 1932.
  3. JbKMG 1979, S. 41.
  4. M-KMG 10 (1971), S. 23; als Quelle wird Karl Streller genannt.
  5. JbKMG 1979, S. 41.
  6. JbKMG 1979, S. 41.
  7. Aus der Erwiderung Mays (pseud. Richard Plöhn) auf die Kritik der 'Frankfurter Zeitung'. In: Dortmunder 'Tremonia' (Ende September 1899). Neu abgedruckt: Karl May: May gegen Mamroth. In: JbKMG 1974, S. 131-152 (132).
  8. Wilhelm Nhil: »Das Forum«, Wien, 1.4.1912. In: JbKMG 1970.
  9. Karl May: Durch die Wüste.
  10. Karl-May-Chronik II, S. 282.

Literatur

Informationen über Zeitgenossen Karl Mays finden Sie im Namensverzeichnis Karl May – Personen in seinem Leben von Volker Griese unter Mitwirkung von Wolfgang Sämmer.