Historische Erzählungen

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Historische Erzählungen sind fiktionale Prosawerke, deren Handlung in einer historischen Zeit spielt. Solche Text bilden einen Teil des Karl Mayschen Frühwerks. Leopold I. von Anhalt-Dessau, bekannt als „der Alte Dessauer“, widmete May eine Reihe dieser Erzählungen, die zugleich zu den Humoresken gehören.

Entstehung

Bis Karl May seine Profession als Autor von Reiseerzählungen fand, versuchte er sich in seinem Frühwerk an verschiedenen Richtungen der Unterhaltungsliteratur.[1]

Zu Mays Zeiten waren Berichte über historische Persönlichkeiten begehrt,[2] vor allem wenn es sich um novellistisch erweiterte Anekdoten handelte.[3] So bildete z. B. die Gestalt des Alten Dessauers Stoff für viele Schriftsteller.[4] Besonders die Kombination aus Militär und Witz war im Deutschen Reich sehr beliebt. Derartige Erzählungen wurden von Verlagen und Lesern populärer Familienzeitschriften erwartet[5] und May hatte bereits früh begonnen, den literarischen Markt zu beobachten.[6] Also versuchte er von Anfang an, viele Erzählungen mit einem historischen Aufhänger zu versehen, um besonderes Interesse bei seiner Leserschaft zu finden.[7] Laut Repertorium C. May war ein Projekt zur preußischen bzw. deutschen Geschichte bereits während Mays zweiter Haftzeit (18651868) in Planung.[8]

Die Rose von Ernstthal (1874 oder 1875) ist die älteste bekannte Veröffentlichung einer May-Erzählung.[9] Sie gehört sowohl zu den historischen Erzählungen als auch zu den Erzgebirgischen Dorfgeschichten. Allerdings ist sie weniger durch Dorf- als vielmehr durch Kleinstadt- und Soldaten-Milieu geprägt und weist hohe Ähnlichkeit mit den darauf folgenden Erzählungen über den Alten Dessauer auf,[10][11] der darin bereits erwähnt wird. Viele Handlungselemente dieses Werkes hatte May in späteren Erzählungen wieder aufgegriffen und variiert.[12]

Mit der in Spanien spielenden Erzählung Der Gitano (1875), die ebenfalls im Repertorium C. May genannt wird,[13] allerdings zum Zeitpunkt der Veröffentlichung auf zeitgenössische Geschehnisse verwies, verließ May erstmals deutschen Boden. Er griff ebenso auf inner- wie äußereuropäische Geschichte und Persönlichkeiten zurück, über die er sich durch Quellenstudien in entsprechender Literatur sowie in Lexika informierte, und vermischte seine Erzählungen mit abenteuerlicher Handlung oder dem kriminalistischen Schema. 1879 erschien mit Three carde monte Mays erste Erzählung für den Deutschen Hausschatz, der für viele Jahre dessen Hauptpublikationsorgan werden sollte. Hierin erschienen auch alle folgenden historischen Erzählungen ohne Dessauer-Bezug, bevor May dort ab 1883 fast nur noch Reiseerzählungen veröffentlichte. Die Arbeit an diesen und die Arbeitslast durch die Kolportageromane führten zum Ende des Frühwerkes.

Über die historischen Persönlichkeiten Leopold I. von Anhalt-Dessau und Gebhard Leberecht von Blücher verfasste May historische Erzählungen als Militärhumoresken. Zur spezifischen Entstehungsgeschichte der Dessauer-Erzählungen siehe hier.

Leopold I. von Anhalt-Dessau

Inhalte

Innerhalb seiner historischen Erzählungen nimmt Die Rose von Ernstthal eine Sonderstellung ein, da sie sowohl zu den Erzgebirgischen Dorfgeschichten gehört, als auch große Ähnlichkeit mit den Dessauer-Geschichten aufweist.[14] Schauplatz ist Mays Geburtsort zur Zeit des Zweiten Schlesischen Krieges (1744/45). Ein preußischer Offizier, Patenkind des Alten Dessauers und Geliebter der Titelfigur, spürt einem Hochverräter nach, der mit sächsischen Werbern kollaboriert.

In den Geschichten um den Alten Dessauer treten vier Motive regelmäßig auf: Anekdoten über den Fürsten,[15] die Maskerade,[16] das Pressen[17] und das Zusammenführen von Liebenden, deren Verbindung oft politische oder militärische Gründe entgegenstehen. Neben Leopold I. lässt May weitere historische Persönlichkeiten auftreten. Aus dessen Familie stellt May die bürgerliche Gemahlin des Fürsten Anna Luise Föhse, genannt Anneliese, Tochter Luise und ihren späteren Gatten Viktor II. Friedrich von Anhalt-Bernburg sowie Sohn Moritz vor. Zudem macht er die Leser mit Johann Georg von Raumer und Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. – zunächst noch Kronprinz – bekannt. Auf Seiten der Gegenspieler stehen der Schwedenkönig Karl XII. und Carl Piper, der Herzog von Sachsen-Merseburg und Graf Johann Georg III. von Mansfeld, die Hannoveraner Prinz Friedrich Ludwig von Hannover und Andreas Gottlieb von Bernstorff sowie Franz von der Trenck. Weitere historische Persönlichkeiten, besonders Friedrich der Große, werden erwähnt. Die Handlungsorte und -zeiten sowie die historischen Hintergründe der einzelnen Geschichten sind in folgender Tabelle angegeben:

Titel Handlungsorte Handlungszeit[18] Geschichtlicher Hintergrund Gegenspieler
Der Scheerenschleifer Halberstadt, Dankerode, Allstädt 1707 Großer Nordischer Krieg (1700–1721)
Sequestration der Grafschaft Mansfeld (1579–1780)[19]
Schweden, Mansfeld
Ein Stücklein vom alten Dessauer Dessau, Wahlsdorf vmtl. zw.
1720 u. 1730
ein Amtmann
Der Pflaumendieb Dessau, Leinefeld[20] 1724[21] Jesuiten, ein Amtmann
Ein Fürst-Marschall als Bäcker Dessau, Lüchow, Wustrow, Lenzen 1726 Friedrich Ludwig von Hannover
Fürst und Leiermann Prezelle, Ziemendorf 1741 Erster Schlesischer Krieg (1740–1742) Hannoversche Werber
Die drei Feldmarschalls Lenzen, Gartow 1741
Pandur und Grenadier Studenetz, Humpoletz, Chrudim 1742 Franz von der Trenck
Der Amsenhändler Dessau, Gartow, Lenzen 1743 Hannoversche Werber
Unter den Werbern Dessau, Beyersdorf, Bitterfeld 1745 Zweiter Schlesischer Krieg (1744–1745) Sächsische Werber
Gebhard Leberecht von Blücher
Abraham Lincoln

Das Abenteuer Der Gitano spielt 1875 in Spanien während des dritten Carlistenkrieges (1872–1876). Der Titelheld und der Ich-Erzähler geraten in die Hände der Carlisten. In diesem Text verwendete May erstmals einen Ich-Erzähler, der allerdings noch weit von dem Ich-Helden Kara Ben Nemsi bzw. Old Shatterhand entfernt ist und lediglich die Rolle eines Beobachters übernimmt.[22] May wertet in dieser Erzählung die Gitanos (Zigeuner) auf und stellt sie den Nicht-Zigeunern gleich.[23]

Anekdoten über die Streiche und Reitkünste des jungen Gebhard Leberecht von Blücher in Stolp nach 1770 verarbeitete May in der Militärhumoreske Husarenstreiche.[24] In Die Kriegskasse wird dann die Vorbereitung zu Blüchers Rheinübergang während der Befreiungskriege (18131815) behandelt. Obwohl May antifranzösische und prodeutsche Tendenzen bezüglich des militärischen Geschehens darstellt, bleibt die Erzählung frei von nationalistischen Vorurteilen.[25]

Graf von Saint Germain
Robert Surcouf

Die Texte Ein Self-man und Three carde monte sind eigentlich Abenteuererzählungen, die in den Vereinigten Staaten spielen und um zwei historische Persönlichkeiten gesponnen wurden.[26] Der jeweilige Erzähler trifft mehrfach auf den jungen Abraham Lincoln und stellt sich mit diesem dem Falschspieler und vermeintlichen Schurken Kanada-Bill entgegen. Beiden Erzählungen ist das erste Zusammentreffen der Helden gemein, bei dem Lincoln im Wald eine Rede übt.

Mays Südafrika-Erzählung Der Boer van het Roer – Umarbeitung der kürzeren Fassung Der Africander zur Reiseerzählung – spielt kurz vor der Entscheidungsschlacht zwischen den Zulu-Häuptlingen Panda und Dingaan im Jahre 1840.[27] Auf Seiten Pandas stehen die Helden sowie der (eigentlich bereits verstorbene) Burenführer Pieter Uys. Bemerkenswert ist, dass May wie schon in der vorherigen Erzählung entgegen den Vorurteilen seiner Zeit einen weißen Helden eine Farbige heiraten lässt.

Beinahe alle Figuren der Kriminal-Novelle Ein Fürst des Schwindels – Überarbeitung der kürzeren Fassung Aqua benedetta – sind historisch.[28] Gegenspieler des Helden ist der als Alchemist, Geheimagent und Hochstapler bekannte Graf von Saint Germain, der zunächst in Versailles in Gegenwart von Madame de Pompadour und König Ludwig XV. auftritt. Die Handlung wechselt dann nach Haag, wo sich zudem Giacomo Casanova dem Grafen entgegenstellt, und endet mit dessen Tod 1780 (eigentlich 1784) bei Karl von Hessen-Kassel in Eckernförde.

In der Novelle Robert Surcouf trifft der Titelheld während der Französischen Revolution in Toulon zunächst auf Napoléon Bonaparte. Im Indischen Ozean bekämpft er England, in dem er dessen Schiffe kapert, und wird dadurch zum Seehelden. Nach der Revolution kehrt Surcouf nach Frankreich zurück, wo es in Paris zu einer weiteren Begegnung mit Napoléon kommt. In einer Nebenepisode geht diesem Treffen die Audienz Robert Fultons im Jahre 1801 voraus, der erfolglos um Unterstützung für die Entwicklung des Dampfschiffs bittet.

Wahrheitsgehalt

KMV-Bild zur Bearbeitung von Ein Fürst des Schwindels

Der Wahrheitsgehalt der historischen Erzählungen fällt unterschiedlich aus: Die Fakten zur Person des Alten Desauers sind mit einigen Ausnahmen korrekt dargestellt.[29] Bei Nebenpersonen, allgemeinen Lebensbedingungen und Ortschaften wird May allerdings ungenau bzw. macht er unhistorische Angaben. May will dem Leser zwar Historizität vermitteln, überträgt dabei allerdings den Stand des 19. Jahrhunderts in seine Texte, ohne dies für die eigentliche Handlungszeit anzupassen. Dies führt dazu, dass Personen falsche Titel tragen, (noch) nicht erreichte Funktionen ausüben oder sich zum entsprechenden Zeitpunkt nicht vor Ort aufhielten und historische Gegebenheiten wie z. B. Grenzverläufe außer acht bleiben.[30] In Der Gitano werden der politische Hintergrund und die zeitgenössische Stimmung gegen die Carlisten authentisch wiedergegeben.[31][32] Historische Fakten über Blücher hat May seinen Quellen entnommen. Sowohl die Belling-Husaren, als auch das Lützower Freikorps in den Blücher-Erzählungen hat es gegeben.[33] In den beiden Wildwest-Erzählungen kommen zwar ein paar geschichtliche Bezüge vor, aber ansonsten haben sie mit der tatsächlichen Historie wenig gemein:[34] Der Kanada-Bill war – vom Falschspiel abgesehen – ebenso wenig ein Schurke wie Abraham Lincoln ein bedeutender Abenteurer.[35] Dessen fiktive Reden gleichen den historischen,[36] aber seine Anwesenheit bei einem Ölbrand ist ein Anachronismus.[37] In den Südafrika-Erzählungen hingegen stimmen der historische und geografische Hintergrund sowie die Darstellung historischer Persönlichkeiten weitgehend, teilweise sogar bis ins Detail. Die hier vorkommenden Anachronismen rühren daher, dass May das Ende von Dingaans Herrschaft mit historischen Details zweier früherer Schlachten weiter ausschmückt. Dies führte zum Auftreten des eigentlich bereits verstorbenen Pieter Uys.[38] Auch bei den Saint-Germain-Erzählungen findet sich eine relativ große Nähe zur wahren Historie. Die tatsächlichen Zeiträume stimmen aber nicht ganz überein.[39] Robert Surcouf und seine Aktivitäten, die Situation in Frankreich und allgemein in Europa zwischen 1793 und 1804 sowie die Freibeuterei jener Zeit und ihren geschichtlichen Rahmen hat May korrekt dargestellt.[40] Von Surcoufs Begegnungen mit Napoléon ist nur die Belohnung historisch belegt.[41]

Bei dem stellenweisen Mangel an Authentizität – von dichterischer Freiheit abgesehen – muss bedacht werden, dass May zu jener Zeit beständig am Existenzminimum entlang (schrieb) und daher unter hohem Produktionsdruck stand.[42] Zudem waren seine Recherchemöglichkeiten begrenzt.[43]

Militarismus

KMV-Titelbild zum Sammlband mit Militärhumoresken

Viele der hier behandelten Werke zeichnen sich durch das Soldatenmilieu aus und stehen im Widerspruch zu Mays sonstigen Friedensbemühungen.[44] Dabei schwankt er zwischen antimilitaristischen Äußerungen und der Freude an Militärhumoresken,[45] deren Vereinbarkeit in der May-Forschung umstritten ist.[46]

Zu Mays Einstellung zum Militär während der Zeit des Frühwerks gibt es unterschiedliche Ansichten: Gerhard Klußmeier warnt davor, antimilitaristische Äußerungen aus den Dessauer-Geschichten herauszufiltern, denn er sieht eine Sympathie und letztlich Bewunderung für den Soldatenstand zu jener Zeit bei May, von der er sich erst später abwandte. Der Soldatenstand war damals sehr angesehen und daher habe May seine Ausmusterung 1862 als persönliches Manko empfunden.[47] In Mays Texten dieser Zeit gehört die Sympathie den Offizieren, sofern sie auf der richtigen Seite stehen, während die Zivilisten oft als unbeholfen dargestellt werden und sogar zum Objekt derber Späße der Offiziere werden können.[48][49] Die Darstellung schneidiger, tadelloser Offiziere war genretypisch und entsprach dem Zeitgeschmack.[50] Es kommt somit auch ein kaufmännischer Aspekt in Betracht,[51] wenn May sowohl der Erwartungshaltung seines Publikums als auch den Anforderungen populärer Familienzeitschriften Rechnung [trägt], indem er eine [...] Figur militärischen Zuschnitts zum Helden erkor.[52] Nach Christoph F. Lorenz war May ein Kind seiner Zeit, mit einer naiven Freude an gelungenen militärischen Handstreichen, aber ohne besonders ausgeprägte[r] militaristische[r] […] Haltung.[53] Während seiner dritten Haft saß May im Zuchthaus Waldheim ein (1870–1874). Auf die dortigen Wachsoldaten führt Hainer Plaul eine Abneigung gegen das sächsische Militär zurück;[54] Herbert Meier sieht sogar eine generelle Abneigung gegenüber dem Soldatenstand und Offizieren.[55] Hartmut Kühne weist darauf hin, dass die negativen Figuren fast regelmäßig mit Rekrutierung bestraft werden, und leitete daraus ab, dass das Soldatenhandwerk […] in den Augen Mays ein wenig erstrebenswertes Dasein war.[56] May erwähnt den negativen Einfluss des Militärwesens auf das Privatleben,[57] aber das Grauen des Soldatenalltags verschweigt er, obwohl entsprechend kritische Literatur bereits vorhanden war.[58] Zwar wird das Werberwesen im Allgemeinen negativ dargestellt,[59] allerdings sieht Axel Kahrs in den Dessauer-Geschichten eine Verharmlosung des Pressens zu einem Abenteuer mit spaßigen Einlagen.[60] Gerade Leopold I., der die Brauchbarkeit von Soldaten nur nach Körpermaß und Muskulatur taxiert,[61] hätte nach Stephan Kraus & Hartmut Wörner für die Personifizierung eines antimilitaristischen Standpunktes getaugt.[62]

Im Frühwerk finden sich kaum klare Tendenzen zum späteren Pazifismus Mays.[63] Für einen Vorbestraften war offene Kritik am preußischen Militärwesen in den 1870/80er Jahren undenkbar.[64] Lediglich zwischen den Zeilen lässt sich Kritik herauslesen.[65][66] Ein Beispiel für eine frühe Betonung seiner Friedensliebe[67] findet sich in seinen Geographischen Predigten (1875/76): Erinnert doch grad' (das Wort „Feld“) an den größesten und häßlichsten Gegensatz der Liebe, welcher seine Opfer unter dröhnendem Rossesstampfen und brüllendem Kanonendonner auf dem „Schlachtfelde“ in „des Todes blutige Rosen“ bettet.[68] Deutliche Hinweise auf Pazifismus finden sich in den Reiseerzählungen.[69] So kritisiert May das preußische Militärwesen unter dem Deckmantel nordamerikanischer Militärs, die deutliche Charakterzüge des deutschen Obrigkeitsstaates tragen.[70] Erst im Spätwerk trat May entschieden für den Pazifismus ein[71] und schrieb z. B. mit Und Friede auf Erden (1904) gegen die öffentliche Meinung an.

Kritik

Szene aus Der Africander

Durch Überarbeitung älterer Texte perfektionierte May seine Werke[72] und ein Fortschreiten seines schriftstellerischen Könnens lässt sich bereits in den ersten Jahren erkennen.[73] Dennoch hält das Frühwerk – mit Ausnahmen – einem Vergleich mit späteren Werken nicht stand.[74] Der literarische Anfänger ist in den Texten erkennbar.[75]

Die Rose von Ernstthal beschreibt Kühne als flüssig geschrieben und geschickt konstruiert.[76] Der literarische Wert der Dessauer-Geschichten ist in der May-Forschung umstritten.[77] Der Gitano stellt nach Eckehard Koch eine durchaus spannende und gut geschriebene ,Talentprobe’ dar.[78] Martin Lowsky hat in der Erzählung Die Kriegskasse zwar eine gewandte Vorausdeutungstechnik, aber einen misslungenen Spannungsbogen gefunden.[79] Jene Texte, die May in Frohe Stunden veröffentlichte (Die Kriegskasse, Aqua benedetta, Ein Self-man, Husarenstreiche und Der Africander), empfindet Meier als kantig und holzschnittartig erzählt,[80] da sie wohl nicht mehr als unter hohem pekuniärem Druck entstandene Skizzen darstellen.[81] Spätere Neufassungen (Three carde monte, Der Boer van het Roer und Ein Fürst des Schwindels) sind gemäß Meier und Siegfried Augustin qualitativ besser, gediegener, wesentlich breiter im Erzählfluß und teilweise deutlich spannender.[82][83] Allerdings fällt hier Three carde monte mit einer planlosen Handlungsführung und undifferenzierter Personenzeichnung negativ auf, bekundet Claus Roxin.[84] Über Der Boer van het Roer stellt Koch fest, man meint, nicht eine frühe Erzählung, sondern ein Reiseabenteuer aus Mays ,reiferer’ Schriftsteller-Zeit vor sich zu haben.[85] Robert Surcouf ist nach Meier plastisch und spannend geschrieben[86] und gilt als eine der besten historischen Novellen.[87]

Dass May Zigeuner bzw. Farbige entgegen den Vorurteilen seiner Zeit als gleichwertige Menschen behandelte, ist besonders hervorzuheben.

Bedeutung für spätere Werke

Die hier behandelten Erzählungen sind für die Entwicklung des literarischen Werkes von großer Bedeutung: Wie auch in anderen seiner Frühwerke finden sich in den historischen Erzählungen die Figuren, Handlungselemente und Schauplätze vorgeformt, die May später in seinen Kolportageromanen und Reiseerzählungen in fremde Länder übertrug und weiter ausarbeitete.[88] Viele Motive wie der Jagdhieb, Lauschen, das Zureiten eines wilden Pferdes, Schatzhebung, das Erscheinen als jemand geringes, um dann sich dann als Alleskönner zu erweisen, findet sich bereits in den historischen Erzählungen.[89][90][91] Außerdem nimmt das „Ich-Ideal“ der Reiseerzählungen, das nach diesen Motiven aufgebaut ist, bereits feste Form an.[92]

Bibliografie

Diese Erzählungen erschienen zunächst in Unterhaltungsblättern und Volkskalendern, darunter solche, die May selbst redaktionell betreute (z. B. Deutsches Familienblatt und Frohe Stunden). Einige Texte erschienen unter den Pseudonymen Emma Pollmer, Ernst von Linden oder Karl Hohenthal.[93] Eine ganze Reihe der Texte wurde z. T. mehrfach nachgedruckt.

Erzählungen ohne den Alten Dessauer als Hauptfigur

Unter Mays Werken finden sich auch historische Romane bzw. Romane mit historischen Bezügen: Der beiden Quitzows letzte Fahrten (1876/77, Ende nicht von May), Das Waldröschen (1882–84), Die Liebe des Ulanen (1883–85, mit Auftritten von Blücher und Napoléon), Deutsche Herzen - Deutsche Helden (1885–88) und Der Weg zum Glück (1886 –88).

Geschichten über den Alten Dessauer

Die Untertitel verweisen meist auf eine Episode aus dem Leben des („)alten Dessauer(s)(“).[95]

Buchausgaben

Humoresken und Erzählungen, Buchdeckel von 1902

Ein Stücklein vom alten Dessauer und Die beiden Nachtwächter erschien in Das Buch der Unterhaltung (1879 oder 1880), das Buch Fürst und Leiermann folgte 1884 und Die drei Feldmarschalls wurde 1888 als 32. Band in Bachem's Novellen-Sammlung aufgenommen. May selbst veröffentlichte Robert Surcouf unter dem Titel Ein Kaper als erste Abteilung des Buches Die Rose von Kaïrwan (1894), in der ein lockerer Bezug zu der dritten Abteilung, der Reiseerzählung Eine Befreiung, besteht. Ein Self-man und Der Africander erschienen unter den Titeln Im wilden Westen bzw. Ein Abenteuer in Südafrika in der Anthologie Der Karawanenwürger und andere Erzählungen (1894). Three carde monte erschien durch die Integration in den Text von Old Surehand II (1895) in Buchform, wobei May nun auch den Tod des Kanada-Bill beschreibt und durch Abänderung der Rahmenerzählung seinen Anachronismus umdeutet. Der Boer van het Roer ist zwar im Gegensatz zur Vorversion bereits eine Reiseerzählung, allerdings bearbeitete May sie bei Übernahme in die Anthologie Auf fremden Pfaden (1897), um die Handlung in seine eigene Lebenszeit zu verlegen.[96] Jene Texte, die im Verlag H. G. Münchmeyer erschienen waren, wurden ohne Mays Autorisierung in der Anthologie Humoresken und Erzählungen (1902) herausgegeben,[97] wobei Der Amsenhändler den Titel von Ein Stücklein vom alten Dessauer erhielt.

Den Großteil der Erzählungen brachte die Karl-May-Gesellschaft (KMG) in folgenden Reprintbänden heraus: Der Waldkönig, Kleinere Hausschatzerzählungen, Unter den Werbern, Frohe Stunden und Old Firehand. In der Leseausgabe des Karl-May-Verlages finden sich sieben der Dessauer-Geschichten im Band Der alte Dessauer; die restlichen Erzählunge sind über diverse Bände verstreut.

Anmerkungen

  1. Martin Lowsky: Karl May (Realien zur Literatur, Bd. 231). J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH Stuttgart 1987. ISBN 3-476-10231-9. S. 38ff.
  2. Heermann, Karl May, der Alte Dessauer und eine „alte Dessauerin“, S. 71.
  3. Erich Heinemann: Einführung. In: Der Scheerenschleifer / Die Both Shatters / Tui Fanua. Reprint der Karl-May-Gesellschaft Hamburg 1977. S. 2.
  4. Roland Schmid: Nachwort. In: Karl May: Der alte Dessauer. Karl-May-Verlag Bamberg 1968. S. 513.
  5. Axel Kahrs: „Hundsfott – Himmelhund – Papperlapapp – Pasta!” Neues von Karl May und dem alten Dessauer in Gartow. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft Nr. 97/1993, S. 57–62 (60).
  6. Ulrich Scheinhammer-Schmid: [Werkartikel über] Der Scheerenschleifer. In: Ueding, Karl-May-Handbuch, S. 365.
  7. Eckehard Koch: Der Gitano ist ein gehetzter Hund. Karl May und die Zigeuner. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1989, S. 181. (Onlinefassung)
  8. Karl May: Old Shatterhand in der Heimat. Karl-May-Verlag BambergRadebeul 1997, S. 287–289. ISBN 978-3-7802-0079-2.
  9. Dieter Sudhoff/Hans-Dieter Steinmetz: Karl-May-Chronik I. Karl-May-Verlag Bamberg–Radebeul 2005. S. 187. ISBN 3-7802-0170-4.
  10. Jürgen Hein: [Werkartikel über] Die Rose von Ernstthal. In: Ueding, Handbuch, S. 371–373.
  11. Roland Schmid: Nachwort des Herausgebers. In: Karl May: Der Waldschwarze. Karl-May-Verlag Bamberg 1971. S. 466 ISBN 3-7802-0044-9.
  12. Hermann Wohlgschaft: Karl May – Leben und Werk. 3 Bände. Bücherhaus Bargfeld 2005. S. 357f. ISBN 3-930713-93-4. (Onlinefassung der 1. Auflage)
  13. May, Old Shatterhand in der Heimat, S. 272.
  14. Herbert Meier: Vorwort. In: Karl May. Der Waldkönig. Erzählungen aus den Jahren 1879 und 1880. Reprint der Karl-May-Gesellschaft, Hamburg 1980. S. 15. (Onlinefassung)
  15. Heermann, Karl May, der Alte Dessauer und eine „alte Dessauerin“, S. 46.
  16. Christoph F. Lorenz: Landesherr und Schmugglerfürst. Eine Rezensionsabhandlung zu den Erzählungen Karl Mays in der Zeitschrift "Für alle Welt" (= "All-Deutschland") in den Jahren 1879 und 1880. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1981, S. 360-374 (364). (Onlinefassung)
  17. Kahrs, Hundsfott, S. 57
  18. Datierung nach Düsing, Geschichten um Geschichte, S. 18-33.
  19. Düsing, Geschichten um Geschichte, S. 21.
  20. Übereinstimmung mit Leinefelde ungewiss
  21. Die im Text genannte Datumsangabe 1739 ist historisch nicht haltbar.
  22. Koch, Der Gitano ist ein gehetzter Hund, S. 180.
  23. Koch, Der Gitano ist ein gehetzter Hund, S. 187.
  24. Ruprecht Gammler: [Werkartikel über] Husarenstreiche. In: Ueding, Handbuch, S. 351f.
  25. Martin Lowsky: [Werkartikel über] Die Kriegskasse. In: Ueding, Handbuch, S. 357f.
  26. Ekkehard Koch: Der Weg zum „Kafferngrab“. Zum historischen und zeitgeschichtlichen Hintergrund von Karl Mays Südafrika-Erzählungen. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1981, S. 152. (Onlinefassung)
  27. Koch, Der Weg zum „Kafferngrab“, S. 151f.
  28. Martin Lowsky: [Werkartikel über] Ein Fürst des Schwindels. In: Ueding, Handbuch, S. 360f.
  29. Düsing, Geschichten um Geschichte, S. 33.
  30. Düsing, Geschichten um Geschichte, S. 20.
  31. Wohlgschaft, Karl May – Leben und Werk, S. 408.
  32. Koch, Der Gitano ist ein gehetzter Hund, S. 182.
  33. Siegfried Augustin: Einleitung. In: Karl May. Frohe Stunden. Unterhaltungsblätter für Jedermann. Reprint der Karl-May-Gesellschaft, Hamburg 2000. S. 29.
  34. Koch, Der Weg zum „Kafferngrab“, S. 152.
  35. Ekkehard Koch: Der ‘Kanada-Bill’ – Variation eines Motivs bei Karl May. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1976, S. 32f. (Onlinefassung)
  36. Koch, Der Kanada-Bill, S. 35
  37. Koch, Der Kanada-Bill, S. 39f.
  38. Koch, Der Weg zum „Kafferngrab“, S. 152.
  39. Volker Griese: Nach authentischen Quellen: „Ein Fürst des Schwindels“. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft Nr. 82/1989, S. 24. (Onlinefassung)
  40. Meier, Kleinere Hausschatz-Erzählungen, S. 30f.
  41. Ulrich von Thüna: [Werkartikel über] Robert Surcouf. In: Ueding, Karl-May-Handbuch, S. 409f.
  42. Griese, Nach authentischen Quellen, S. 24.
  43. Düsing, Geschichten um Geschichte, S. 20.
  44. Heermann, Karl May, der Alte Dessauer und eine „alte Dessauerin“, S. 61.
  45. Heermann, Karl May, der Alte Dessauer und eine „alte Dessauerin“, S. 61f.
  46. Walter Oldenbürger: [Werkartikel über] Der Pflaumendieb. In: Ueding, Karl-May-Handbuch, S. 363.
  47. Klußmeier, Karl May und der „Alte Dessauer“, S. 10f.
  48. Gammler, Husarenstreiche, S. 352.
  49. Stephan Kraus/Hartmut Wörner: Pazifismus in Mays Werk am Beispiel seiner Soldatenschilderungen. In: Sonderheft der Karl-May-Gesellschaft Nr. 13/1978, S. 39. (Onlinefassung)
  50. Gammler, Husarenstreiche, S. 352.
  51. Gerhard Klußmeier: Karl May und der „Alte Dessauer“. In: Meier, Unter den Werbern., S. 10.
  52. Kahrs, Hundsfott, S. 60.
  53. Christoph F. Lorenz: [Werkartikel über] Unter den Werbern. In: Meier, Unter den Werbern, S. 122.
  54. Hainer Plaul: Redakteur auf Zeit. Über Karl Mays Aufenthalt und Tätigkeit von Mai 1874 bis Dezember 1877. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1977, S. 174.
  55. Meier, Vorwort, S. 4.
  56. Hartmut Kühne: [Werkartikel über] Der Amsenhändler. In: Meier, Unter den Werbern, S. 162.
  57. Heermann, Karl May, der Alte Dessauer und eine „alte Dessauerin“, S. 61ff.
  58. Kahrs, Hundsfott, S. 61
  59. Heermann, Karl May, der Alte Dessauer und eine „alte Dessauerin“, S. 53.
  60. Kahrs, Hundsfott, S. 59f.
  61. Plaul, Redakteur auf Zeit, S. 173f.
  62. Kraus/Wörner, Pazifismus in Mays Werk, S. 39.
  63. Kraus/Wörner, Pazifismus in Mays Werk, S. 39.
  64. Harald Lobgesang: Darstellung des Militärs in den Wildwest-Bänden Karl Mays. In: Sonderheft der Karl-May-Gesellschaft Nr. 13/1978, S. 28. (Onlinefassung)
  65. Wohlgschaft, Karl May – Leben und Werk, S. 418.
  66. Gammler, Husarenstreiche, S. 352.
  67. Klußmeier, Karl May und der „Alte Dessauer“, S. 11
  68. Karl May: Geographische Predigten. In: Schacht und Hütte Nr. 24, 1875/76, S. 190. (Onlinefassung)
  69. Kraus/Wörner, Pazifismus in Mays Werk, S. 42.
  70. Lobgesang, Darstellung des Militärs, S. 27.
  71. Kraus/Wörner, Pazifismus in Mays Werk, S. 40f.
  72. Ulf Debelius: Editorischer Bericht. In: Karl May: Die Fastnachtsnarren. Karl Mays Werke, Historisch-kritische Ausgabe für die Karl-May-Stiftung, Band I.3. Karl-May-Verlag Bamberg–Radebeul 2010. S. 421–507 (460). ISBN 978-3-7802-2002-8. Debelius, Editorischer Bericht, S. 460.
  73. Debelius, Editorischer Bericht, S. 484.
  74. Hans Wollschläger: Karl May – Grundriß eines gebrochenen Lebens – Interpretation zu Persönlichkeit und Werk – Kritik. VEB Verlag der Kunst Dresden 1990. S. 46.
  75. Plaul, Redakteur auf Zeit, S. 167.
  76. Hartmut Kühne: [Werkartikel über] Die Rose von Ernstthal. In: Meier, Unter den Werbern, S. 302.
  77. Oldenbürger, Der Pflaumendieb, S. 362.
  78. Koch, Der Gitano ist ein gehetzter Hund, S. 179.
  79. Lowsky, Die Kriegskasse, S. 358.
  80. Herbert Meier: Einleitung. In: Meier, Kleinere Hausschatz-Erzählungen, S. 18.
  81. Meier, Einleitung, S. 24.
  82. Augustin, Einleitung, S. 23.
  83. Meier, Kleinere Hausschatz-Erzählungen, S. 7, 24.
  84. Claus Roxin: [Werkartikel über] Old Surehand. In: Ueding, Handbuch, S. 205.
  85. Ekkehard, Der Weg zum „Kafferngrab“, S. 157.
  86. Meier, Kleinere Hausschatz-Erzählungen, S. 30.
  87. Ekkehard Bartsch: Nachwort. In: Karl May: Halbblut. Karl-May-Verlag Bamberg–Radebeul 1997. S. 540–543.
  88. Engelbert Botschen: Die Vorwegnahme des Werkes am Beispiel der Humoresken und Dorfgeschichten. In: Meier, Unter den Werbern., S. 180f.
  89. Heermann, Karl May, der Alte Dessauer und eine „alte Dessauerin“, S. 31.
  90. Heermann, Karl May, der Alte Dessauer und eine „alte Dessauerin“, S. 60.
  91. Lowsky, Die Kriegskasse, S. 358.
  92. Lorenz, Landesherr und Schmugglerfürst, S. 366.
  93. Hainer Plaul: Illustrierte Karl-May-Bibliographie. Unter Mitwirkung von Gerhard Klußmeier. Saur München–London–New York–Paris 1989. ISBN 3-598-07258-9.
  94. Datierung wird aktuell neu diskutiert
  95. Plaul, Karl-May-Bibliographie
  96. Anton Haider: Vom „Deutschen Hausschatz“ zur Buchausgabe – Vergleichslesungen. Sonderheft der Karl May Gesellschaft Nr. 50/1984, S. 20–24. (Onlinefasssung)
  97. Meier, Vorwort, S. 4.

Literatur

Informationen zu Figuren in Karl Mays Werken finden Sie auch im Karl May Figurenlexikon.
Die zweite Auflage dieses Werkes finden Sie online auf den Seiten der KMG.

Weblinks