Es liegt die Welt ringsum im Morgengraun (Gedicht)

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Es liegt die Welt ringsum im Morgengraun ist ein Gedicht von Karl May.

Text

Es liegt die Welt ringsum im Morgengraun;
die Nebel wallen, um emporzusteigen.
Mein Auge ist bereit, dich anzuschaun;
o wolle deine Herrlichkeit mir zeigen!
Wo kommst du her? Ich höre dein Gewand.
Es rauscht so glückverheißend aus der Ferne,
und dieses Rauschen ist mir wohlbekannt:
du streifst mit deines Schleiers Saum die Sterne.
Ein süßer Duft bereitet deinen Schritt;
schon höre ringsum ich die Glocken schlagen.
In meinem Herzen tönt die Stunde mit,
und deine Zeit beginnt, in mir zu tagen.
Vielleicht trittst du jetzt nur in meine Welt,
und ich bin es allein, der dich empfindet,
doch ist die Uhr für Andre auch gestellt,
sobald dein Licht die Dämmrung überwindet. – – –
So wie ich wartete auf dieses Licht,
so wartet auch das ganze Volk der Erde.
Ich ahne dich; du nahst mir im Gedicht.
O, daß dies Bildnis doch verstanden werde!
Nun bist du da; du schaust mich lächelnd an,
als seist du mir schon irgendwo begegnet,
und ich, ich sinne zwar vergeblich, wann,
doch hast du mich im Himmel einst gesegnet.
O, segne mich nun hier zum zweitenmal
und mit mir Alle, die auf Erden wandeln,
damit wir, wie der Vater uns befahl,
als seine Kinder an einander handeln.
Du bringst die Liebe, die von oben quillt,
für alle Kreatur zu uns hernieder.
Es strahlt die Seele mir aus deinem Bild;
die Güte ist's; o nimm sie mir nicht wieder![1]

Textgeschichte

Das Gedicht findet sich in der Reiseerzählung Et in terra pax/Und Friede auf Erden! (1901/1904), die zu Karl Mays Spätwerk gehört. Es ist eins der Gedichte, die der Missionar Waller im Wahnsinn auf seinem Krankenbett spricht:

Eben wollte der Streifen des Mondlichtes, welcher immer weiterstieg, sein Gesicht verlassen; da sahen wir, daß er die Augen öffnete. Sie richteten sich auf das Bild der Chinesin, welches ihm, wie schon bemerkt, gegenüberhing. Er streckte die Arme schnell, als ob er sie fassen wolle, nach ihr aus, zog sie langsam, langsam wieder zurück, breitete sie dann nach beiden Seiten aus, als ob er eine weite, unbegrenzte Fläche bezeichnen wolle, und sagte dann:
"Es liegt die Welt ringsum im Morgengraun; die Nebel wallen, um emporzusteigen. Mein Auge ist bereit, dich anzuschaun; o wolle deine Herrlichkeit mir zeigen! Wo kommst du her? Ich höre dein Gewand. Es rauscht so glückverheißend aus der Ferne, und dieses Rauschen ist mir wohlbekannt: du streifst mit deines Schleiers Saum die Sterne."
Das, was er jetzt gesprochen hatte, bezog sich jedenfalls nicht auf das Gedicht und seinen Inhalt, sondern auf etwas ganz Anderes. Es tauchte ein neues Gesicht vor ihm auf, welches wahrscheinlich durch den Anblick des jetzt in so eigenartiger Schönheit und Beleuchtung hervortretenden Bildes eingeleitet worden war. Wir hörten seine Worte weiter:
"Ein süßer Duft bereitet deinen Schritt; schon höre ringsum ich die Glocken schlagen. In meinem Herzen tönt die Stunde mit, und deine Zeit beginnt, in mir zu tagen. Vielleicht trittst du jetzt nur in meine Welt, und ich bin es allein, der dich empfindet, doch ist die Uhr für Andre auch gestellt, sobald dein Licht die Dämmrung überwindet. – – – So wie ich wartete auf dieses Licht, so wartet auch das ganze Volk der Erde. Ich ahne dich; du nahst mir im Gedicht. O, daß dies Bildnis doch verstanden werde! Nun bist du da; du schaust mich lächelnd an, als seist du mir schon irgendwo begegnet, und ich, ich sinne zwar vergeblich, wann, doch hast du mich im Himmel einst gesegnet."
Als er hier inne hielt, fragte mich Tsi in flüsterndem Tone:
"Wissen Sie, wovon er spricht? Seine Augen ruhen auf dieser wunderbar schönen, geheimnisvollen 'Yin' und dieser Name ist das chinesische Wort für 'Güte'. Er spricht mit der Güte, welche zu uns niedersteigen muß, wenn uns geholfen werden soll. Doch, hören Sie!"
Der Kranke fuhr fort:
"O, segne mich nun hier zum zweitenmal und mit mir Alle, die auf Erden wandeln, damit wir, wie der Vater uns befahl, als seine Kinder an einander handeln. Du bringst die Liebe, die von oben quillt, für alle Kreatur zu uns hernieder. Es strahlt die Seele mir aus deinem Bild; die Güte ist's; o nimm sie mir nicht wieder!"
Er hatte die letzten Sätze mit erhobener, fast sehr lauter Stimme gesprochen. Nun war er still. Wir warteten zwar; aber nach längerer Zeit legte er sich, dem Mondschein abgewendet, auf die Seite. Nun war anzunehmen, daß er nicht mehr sprechen, sondern schlafen werde. Wir blieben aber sitzen, doch ohne mit einander zu reden. Es ging dem Chinesen wohl grad so wie mir: der Eindruck dessen, was wir gesehen und gehört hatten, war so tief und gab auch ihm so viel zu denken und innerlich zu ordnen, daß er sich nicht selbst durch laute Worte stören wollte. Ich zog meinen Stuhl aus und legte mich lang auf denselben nieder; wir hatten ja ausgemacht, die ganze Nacht wach zu bleiben.[2]

aktuelle Ausgaben

Aktuelle Ausgaben der Reiseerzählung sind in der Bücherdatenbank zu finden:

Anmerkungen

  1. Karl May: Und Friede auf Erden! In: Karl Mays Werke, S. 64579 f. (vgl. KMW-V.2, S. 447 f.); hier im Fließtext.
  2. Karl May: Und Friede auf Erden! In: Karl Mays Werke, S. 64578–64581 (vgl. KMW-V.2, S. 446–448).

Weblinks