Erzgebirgische Dorfgeschichten (Buch)

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Erzgebirgische Dorfgeschichten. Karl Mays Erstlingswerke. Band I. ist eine von Karl May strategisch zusammengestellte Anthologie aus vier seiner frühen Erzgebirgischen Dorfgeschichten und zwei Texten des Spätwerks. Der Band wurde 1903 von Adalbert Fischer verlegt.

Entstehung

Fehsenfeld-Ausgabe

In der Zeit seines Frühwerks versuchte sich Karl May an verschiedenen Richtungen der Unterhaltungsliteratur[1] und somit entstanden u. a. seine Erzgebirgischen Dorfgeschichten (1874/751879). Diese beeinflussten die nachfolgenden Kolportageromane und Reiseerzählungen.[2][3] Während seiner Orientreise (1899/1900) setzte bei May ein Sinneswandel ein und er begann fortan literarischer zu schreiben und komplexe, symbolische Texte zu verfassen. Zu gleicher Zeit wurden seine Kolportageromane, die hauptsächlich pseudonym in den 1880er Jahren im Verlag H. G. Münchmeyer erschienen waren, vom neuen Verlagsinhaber Adalbert Fischer unter Mays richtigem Namen und ohne dessen Autorisierung neu herausgegeben.[4] Dieser alten Auftragsarbeiten wegen wurde May heftig kritisiert, beispielsweise bezeichnete Hermann Cardauns sie sogar als abgrundtief unsittlich.[5] May wollte einerseits sein frühes Schaffen, das durch den Pressestreit in Mitleidenschaft geraten war, in ein positives Licht rücken[6] und andererseits die literarische Um- oder Neuorientierung — nachträglich — auch für sein bisheriges Œvre geltend machen, somit sein gesamtes Werk als Kontinuum erscheinen lassen.[7] Seine Erzgebirgischen Dorfgeschichten hatte May bereits 1878 vor Gericht als Beweis seiner moralischen Integrität aufgeführt[8] und eine literarische Gleichsetzung mit den späten Reiseerzählungen „Weihnacht!“ (1897) und Am Jenseits (1899) in einer Verteidigungsschrift von 1902 vollzogen.[9][10] Um nun sowohl den Beweis zu erbringen, schon in der Frühzeit sittlich und anständig geschrieben zu haben, als auch die Kontinuität seines Schaffens zu belegen, konzipierte May eine Buchausgabe: Erzgebirgische Dorfgeschichten, die den Untertitel Karl Mays Erstlingswerke trägt. Neben vier frühen Texten enthält der Band allerdings auch zwei eigens für dieses Buch verfasste Erzählungen, Sonnenscheinchen und Das Geldmännle, in denen May die Auseinandersetzungen um die Kolportageromane psychisch verarbeitete und verschlüsselte.[11] Nicht nur stehen diese beiden an erster und letzter Position und klammern damit die frühen Werke ein, sondern May deklarierte auch an anderer Stelle die beiden neuen Texte als Erstlingswerke.[12] Die alten Texte änderte May leicht ab, in dem er mundartliche Dialoge ins Hochdeutsche übersetzte, einige Stellen mehr verdeutlichte und einige Passagen neu schrieb.[13]

Im Rechtsstreit zwischen May und Fischer kam es 1903 vorläufig zu einem Vergleich, da Fischer einerseits durchblicken ließ, er wisse von Mays Vorstrafen,[14] andererseits da May ihn für einen anderen Rechtsstreit für sich gewinnen wollte. In diesem Zusammenhang gab May ihm die Erzgebirgischen Dorfgeschichten in Verlag, deren Publikation sein Hauptverleger Friedrich Ernst Fehsenfeld abgelehnt hatte.[15] May stellte allerdings die Bedingung, dass das Buch nicht unter dem alten Verlagsnamen erscheinen dürfe, woraufhin Fischer eigens dafür den Belletristischen Verlag, einen Imprintverlag, gründete.[16] In die beiden neuen Dorfgeschichten, bei denen May sehr sorgfältig Korrektur las,[17] hatte er die Hintergründe seiner öffentlichen Auseinandersetzungen und Prozesse, in die auch Fischer verwickelt war, verschlüsselt dargestellt. Somit hatte Fischer, ohne es zu bemerken, seine eigene Negativdarstellung verlegt und war damit zum Opfer von Mays heimlicher Rache geworden.[18] Im Gegensatz zu Mays Werken, die in fernen Ländern spielen, verkaufte sich der Band wenig erfolgreich. Zu den Gründen dafür gehörten, dass man von May Abenteuererzählungen erwartete, der literarische Markt mittlerweile mit Dorfgeschichten übersättigt war und die Heimatliteratur seit etwa 1890 eine neue, ideologische Richtung eingeschlagen hatte.[19] Dennoch erschien zu Weihnachten 1907 eine Neuauflage bei Fehsenfeld, nachdem May nach Fischers plötzlichem Tod die Verlagsrechte zurückerhalten hatte.[20] Obwohl beide Auflagen als Band I deklariert wurden, erschien nie eine Fortsetzung aus Mangel an Publikumsinteresse.[21]

Reprints dieses Werkes erschienen 1977 im Olms Verlag und 1996 im Karl-May-Verlag.

Das Vorwort

Die Fischer-Ausgabe wird mit einem Vorwort eingeleitet, in dem May die Kontinuität seines Schaffens darlegt: Da sich Leser nur haben unterhalten lassen wollen, ohne den tieferen Sinn seiner Dorfgeschichten zu begreifen, habe er angefangen, seine Motive in fremde Länder zu verlegen, also Reiseerzählungen zu schreiben. Da man mittlerweile gelernt habe, zum Sinn hinabzusteigen, beginne er nun erneut mit Dorfgeschichten. May deutet damit etwas versteckt an, dass sich unter den Erstlingswerken durchaus neue Texte befinden, und durch Stichworte wird auf einen allegorischen Charakter von Sonnenscheinchen und Das Geldmännle hingewiesen.[22] Die Suggerierung, May habe erst nach den Dorfgeschichten angefangen, Reiseerzählungen zu schreiben, verschleiert, dass frühe Reiseerzählungen bereits parallel zu bzw. sogar vor den Dorfgeschichten erschienen waren.[23] Auch der Kontinuitätsanspruch lässt sich nicht halten. Zwar lassen sich alle Werke Mays im weitesten Sinne auch symbolisch verstehen, aber so hochliterarisch und absichtsvoll symbolisch hatte er seine frühen Texte nicht verfasst.[24]

Inhalt

Sonstiges

1903 erschien unter dem Namen "Max Dittrich" eine Rezension zu Karl Mays Erzgebirgischen Dorfgeschichten in der Zeitschrift Ueber Berg und Thal, die vermutlich May selbst geschrieben hatte.

Anmerkungen

  1. Martin Lowsky: Karl May (= Realien zur Literatur, Band 231). J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag Stuttgart 1987, S. 38 ff. ISBN 3-476-10231-9
  2. Engelbert Botschen Die Vorwegnahme des Werkes am Beispiel der Humoresken und Dorfgeschichten. In: Herbert Meier (Hrsg.): Karl May. Unter den Werbern. Seltene Originaltexte, Band II. Reprint der Karl-May-Gesellschaft, S. 180 f. (Onlinefassung)
  3. Schmid: Nachwort, S. 466.
  4. Dieter Sudhoff/Hans-Dieter Steinmetz: Karl-May-Chronik II. Sonderband zu den Gesammelten Werken. Karl-May-Verlag BambergRadebeul 2005, S. 331. ISBN 3-7802-0172-0
  5. Zitiert nach Karl May: Mein Leben und Streben. Band I. Verlag Friedrich Ernst Fehsenfeld Freiburg i. Br. 1910, S. 233. (Onlinefassung; PDF; 16,9 MB)
  6. Bartsch: Vorwort, S. V.
  7. Hartmut Vollmer: Karl Mays ›Sonnenscheinchen‹. Interpretation einer späten »Erzgebirgischen Dorfgeschichte«. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1985, S. 160. (Onlinefassung)
  8. Karl May: Eingabe an das Amtsgericht Stollberg vom 20 Juni 1878. (Amtsgericht Stollberg, Untersuchungsakten Nr. 129, Blätter 14–15.) Zitiert nach: Fritz Maschke: Karl May und Emma Pollmer. Die Geschichte einer Ehe. Karl-May-Verlag Bamberg 1973, S. 152. ISBN 3-7802-3068-2
  9. Anonym (d. i. Karl May): „Karl May als Erzieher“ und „Die Wahrheit über Karl May“ oder Die Gegner Karl Mays in ihrem eigenen Lichte von einem dankbaren May-Leser. Verlag Friedrich Ernst Fehsenfeld Freiburg i. Br. 1902, S. 14 f. (Onlinefassung)
  10. Bartsch: Vorwort, S. VI.
  11. Rudolf Mahler: Die Stellung von Karl Mays 'Erzgebirgischen Dorfgeschichten' in der Heimatliteratur des 19. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Trivialliteraturforschung. Wissenschaftliche Arbeit zur Zulassung zur Ersten Staatsprüfung für das Lehramt in Gymnasien Tübingen 1981, S. 38.
  12. Karl May: Die Schundliteratur und der Früchtehunger. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1983, S. 50–55. Onlinefassung
  13. Pitt Herrmann: Die „Erzgebirgischen Dorfgeschichten“ Karl Mays unter dem Aspekt der Dorfgeschichten-Tradition. Hausarbeit der ersten Staatsprüfung für das Lehramt am Gymnasium Bochum 1980, S. 60 f.
  14. Jürgen Seul: Old Shatterhand vor Gericht. Die 100 Prozesse des Schriftstellers Karl May. Karl-May-Verlag Bamberg–Radebeul 2009, S. 260. ISBN 978-3-7802-0186-7
  15. Hans Wollschläger: Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens – Interpretation zu Persönlichkeit und Werk – Kritik. VEB Verlag der Kunst Dresden 1990, S. 101 f. ISBN 3-364-00168-5
  16. Bartsch: Vorwort, S. IX.
  17. Hans Wollschläge: Erste Annäherung an den »Silbernen Löwen«. Zur Symbolik und Entstehung. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1979, S. 35, Anmerkung 110. (Onlinefassung)
  18. Lorenz: Gewissen des Musterwirts, S. 185.
  19. Mahler: Die Stellung von Karl Mays 'Erzgebirgischen Dorfgeschichten', S. 15.
  20. Bartsch: Vorwort, S. XVI.
  21. Lorenz: Nachwort, S. I.
  22. Schmid: Nachwort, S. 475.
  23. Lorenz: Gewissen des Musterwirts, S. 186.
  24. Vollmer: Karl Mays ›Sonnenscheinchen‹, S. 160.

Literatur

Weblinks