Doktorspiele

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Die Visitenkarte – mit Doktortitel (vor 1903)
Die Visitenkarte – ohne Doktortitel (nach 1903)
Doctor Philosophiae Honoris Causae der Universitas Germana-Americana – leider eine Universität ohne akademischen Betrieb ...

Karl May führte ab 1875 einen Doktortitel – unberechtigterweise, da er nie promoviert oder auch nur eine Universität besucht hat. Ebenso erhielt er nie eine Ehrendoktorwürde, die von deutschen/sächsischen Behörden als solche anerkannt worden wäre.

Chronologie

1875 wurde Karl May von seinem Chef Heinrich Gotthold Münchmeyer in Dresden als Dr. May eingeführt. Er wurde infolgedessen von Jedermann Doktor genannt.[1]

In der Regel gab Karl May an, ein Dr. phil. zu sein. In seinem Freundeskreis wurde der Titel offenbar ohne Nachfragen akzeptiert.

Ab 1880 wurde er auch als "May, Dr. Karl. Journalist, Redakteur" in den Allgemeinen Literaturkalender (ab 1884 als Dr. phil.) und 1888 in das Melderegister aufgenommen. Die Informationen erteilte May wohl mündlich; Legitimationspapiere wurden nicht verlangt.[2] May benutzte den Titel auch bei Autorenangaben. 1881 erschien erstmals ein Text, Unter Paschern, unter "Dr. Karl May".

1892 erkundigte sich May nach den Bedingungen einer Anerkennung/Promotion; er schlug das Angebot eines Dr. Herrmann Grünfeld aus Berlin ("Ihre Promotion ist an einigen Universitäten zulässig und durchführbar, vorausgesetzt, dass Sie gewillt sind, sich in drei Fächern für das Doctorat vorzubereiten..."[3]) dann allerdings doch aus.

1897 und 1898 fehlte plötzlich der Doktortitel im Adressbuch. Nach Aufforderung der Redaktion, Fehler zu melden, bat May um Korrektur und wurde mit der Frage nach einem Nachweis konfrontiert.[4] Er erklärte, die Universität Rouen hätte ihm den Titel verliehen. Außerdem hätte er eine wenigstens gleichwertige chinesische Würde. Es nützte aber nichts. Das Führen des Titels wurde ihm untersagt, ein Strafverfahren aber nicht eingeleitet. May ließ daraufhin die Sache mit dem Adressbuch auf sich beruhen, führte privat aber den Titel weiter. Er verwendete ihn auch gegenüber seiner Familie (und forderte ihn in einigen Fällen sogar ein, wenn Verwandte Briefe an ihn ohne Titel adressierten[5]).

Am 27. Februar 1898 berichtete Karl May interessierten Leser in Wien über seine Ausbildung folgendes:

Dass Karl May Doctor der orientalischen Sprachen ist, wird kaum befremden. Überraschend aber ist es, in welcher Art er die kaum gewonnene Kenntnis jeder einzelnen Sprache raschestens zu verwerten wusste. So widmete er ein Jahr Universitätsstudium dem Indischen und machte dann ehestens eine Reise nach Indien. Zurückgekehrt, wandte er sich dem Studium des Chinesischen zu und lenkte sodann seine Schritte nach dem Reiche der Mitte. Diese Procedur wurde so oft wiederholt, als es eine orientalische Sprache zu erlernen, respective zu verwerten gab.[6]


Im Herbst 1902 kümmerte sich dann vermutlich Klara Plöhn wieder um die Angelegenheit und wendet sich erneut an Dr. Grünfeld, der der deutsche Geschäftspartner der "Universitas Germana-Americana" war. Ihr Ziel war, den Gegnern ihres Ehemanns, die seine Doktorwürde in Abrede stellten, entgegen treten zu wollen.[7] Datiert vom 9. Dezember 1902 erhielt May dann aus den USA eine Urkunde über eine Ehrendoktorwürde dieser Deutsch-Amerikanischen Universität in Chicago für das Werk Im Reiche des silbernen Löwen. Ob das Diplom in Berlin oder tatsächlich in Chicago angefertigt wurde, ist nicht bekannt. An der von Dr. Grünfeld angesetzten Promotionsfeier am 20. Januar 1903 in Radebeul "für den jungen Herrn Doktor" nimmt May nicht teil.

Als Karl May wenige Monate später von Emma geschieden wurde und Klara Plöhn heiraten wollte, erfuhren die Behörden, dass Mays nach wie vor geführter – wenn auch amtlicherseits bereits untersagter – Doktortitel möglicherweise durch ein ausländisches Diplom belegt werden könnte. Am 14. März 1903 beantragte May also die (beschleunigte) Prüfung und lobte die Pseudo-Hochschule in den höchsten Tönen (... zieht sie aus Deutschland Lehrkräfte allerersten Ranges an ...).[8]

Schon vier Tage später wurde nach Prüfung die Führung eines Doktortitels aufgrund dieser Urkunde abgelehnt. Gründe wurden nicht genannt, aber Hans-Dieter Steinmetz hat Fälle gefunden, in denen eine Genehmigung erteilt wurde – wohl immer mit nachgewiesenem Auslandsstudium.[9]

Am 15. Mai 1903, also zwei Monate später, ließ May dann seine Schwiegermutter, Wilhelmine Beibler, unter einem Vorwand beim Kaiserlichen Deutschen Konsulat in Chicago nachfragen, ob die Universität existiert. Die Antwort vom 5. Juni war eindeutig: sie sei "von den zuständigen Staatsbehörden als reputable nie anerkannt worden". "In Wirklichkeit soll dieselbe nie existiert haben und wurde auch seiner Zeit ... öffentlich als Schwindel gebrandmarkt." – Bei der angeblichen Universität handelte es sich nur um eine Titelmühle. Die Auszeichnung war wertlos.

Dr. Grünfeld, der Kontakt von 1892, bot daraufhin noch einmal an, May zu "promovieren". May lehnte wiederum ab.

May verteidigte 1904 seinen Doktortitel in den offenen Briefen an den Dresdner Anzeiger zwar noch, gab das Führen aber dann auf.

Aus Karl Mays offenem Brief an Herrn Professor Dr. Paul Schumann (aus der Reihe An den Dresdner Anzeiger), datiert vom 18. November 1904:

Es peinigt Sie, geehrter Herr, daß ich im Literaturkalender von Kürschner als Doktor der Philosophie bezeichnet werde. Das Diplom kam vom Auslande, honoris causa, ohne mein persönliches Betreiben, ganz so, wie mir einst wegen meines »Krumir«, der kurz vor dem Krumirkrieg erschien, eine französische Dekoration angeboten wurde, die ich aber ablehnte, weil ich überzeugt war, sie nicht verdient zu haben. Ich glaubte, diesen »Doktor« führen zu dürfen, denn die betreffende auswärtige Vertretung hatte mir dies versichert; ich legte aber trotzdem vor einigen Jahren das Diplom dem Königlichen Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts zur Prüfung vor und erhielt den Bescheid es sei allerdings gültig, überall, nur innerhalb Deutschlands nicht, übrigens habe der Name Karl May einen größeren Wert als jeder derartige Titel.

1904 tauchte der Doktortitel letztmalig in Kürschners Literaturkalender auf.

Anmerkungen

  1. Karl May: Ein Schundverlag. Ein Schundverlag und seine Helfershelfer, S. 284.
  2. Steinmetz, Is das nich der Dres'ner Doktor...?, S. 1.
  3. Zitiert nach Heermann: Winnetous Blutsbruder, Lizenzausgabe im Weltbild-Verlag, S. 302.
  4. Steinmetz, Is das nich der Dres'ner Doktor...?, S. 2 f.
  5. [...] "Mich aber nennt sie [Karl Mays Nichte Marie Hoppe] außen auf der Adresse nicht Herr und nicht Doctor, da schreibt sie nur Karl May!" – Karl May an seine Schwester Wilhelmine Schöne am 20. Januar 1899; zitiert nach Karl-May-Chronik II, S. 194.
  6. Jenny Florstedt: Ein Tag in Wien. 27. Februar 1898. In: Karl-May-Haus Information Nummer 32, S. 68
  7. Nach Steinmetz, Is das nich der Dres'ner Doktor...?, S. 4.
  8. Steinmetz, Is das nich der Dres'ner Doktor...?, S. 6.
  9. Steinmetz, Is das nich der Dres'ner Doktor...?, S. 7 f.

Literatur