Der Schachspieler

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Der Schachspieler ist eine Anekdote aus der Rubrik Allerlei der von Karl May redaktionell betreuten Zeitschrift Schacht und Hütte. Sie wurde in Nummer 52 abgedruckt.

Text

Der Schachspieler
Ein Erzbischof traf eines Tages in einem Walde, durch welchen er oft ging, einen Mann, welcher auf der Erde vor einem Schachbrette saß und sehr beschäftigt schien.
"Was machst Du da, mein Freund?"
"Hochwürdiger Herr, ich spiele Schach."
"Wie! Du spielst allein Schach?"
"Nein, hochwürdiger Herr, ich spiele mit dem lieben Gott."
"Mit dem lieben Gott? Es muß Dir sehr wenig kosten, wenn Du verlierst."
"Doch, mein Herr, ich bitte um Verzeihung, wir spielen hoch und ich bezahle pünktlich. Warten Sie einen Augenblick; Sie werden mir vielleicht Glück bringen, ich habe heute großes Pech ... O weh! jetzt bin ich schachmatt."
Der Erzbischof lachte aus vollem Herzen.
Mit der größten Kaltblütigkeit zieht der Spieler 30 Guineen aus seiner Tasche und giebt sie dem Prälaten.
"Hochwürdiger Herr, wenn ich verliere, schickt der liebe Gott immer Jemanden, um in Empfang zu nehmen, was ihm zukommt. Die Armen sind seine Schatzmeister; tragen Sie kein Bedenken, dieses Gold zu nehmen und es an sie zu vertheilen; um so viel haben wir die Partie gespielt."
Der Erzbischof mochte sich sträuben, wie er wollte, er wurde genöthigt, die 30 Guineen mitzunehmen.
Einen Monat später geht der Prälat wieder durch denselben Wald und sieht wieder den Spieler an dem Schachbrette. Sobald dieser den Erzbischof gewahrt, veranlaßt er ihn, sich zu nähern.
"Gnädiger Herr, ich habe ungeheuer viel verloren, seitdem wir uns nicht mehr gesehen haben; aber heute habe ich eine gute Entschädigung ........ Meiner Treu‘, der liebe Gott ist schachmatt!"
"Nun," sagte der Erzbischof, "wer wird Dich bezahlen?"
"Höchst wahrscheinlich werden Sie es sein, gnädiger Herr; ich spielte um 300 Guineen, und der liebe Gott schickt mir immer, wenn ich gewinne, Jemanden, welcher ebenso pünktlich bezahlt, als ich es thue, wenn ich verliere. Ich habe sogar in diesem Holze einige Freunde, welche es Ihnen betheuern werden, wenn Sie mir nicht auf mein Wort glauben wollen."
Der Prälat mußte schon bezahlen, und er that es, ohne abzuwarten, bis er dazu von den Freunden des Waldes aufgefordert werden würde.

Herkunft

Der Text basiert auf einer Anekdote, die sich bereits 1775 im fünften Teil von Vade Mecum für lustige Leute unter dem Titel Der sonderbare Schachspieler nachweisen lässt. Weitere Varianten sind bekannt aus Winterzeitvertreib in Anekdoten meistens lustigen Inhalts aus dem Jahr 1808 (Der Schachspieler), die Zeitung für die elegante Welt, Nr. 184/Neunzehnter Jahrgang, aus dem Jahr 1819 (Seltsames Spiel), Nummer 52 vom Sonntags=Blatt aus dem Jahr 1827 (Der Spieler und der Erzbischof), Nummer 63/3. Jahrgang von Der Erzähler aus dem Jahr 1838 (ohne Titel) sowie aus der Beilage zu Nro. 47 des Regensburger Tagblattes aus dem Jahr 1841. Ob die Schacht-und-Hütte-Fassung von May selbst ausformuliert wurde, oder aus einer noch nicht aufgefundenen Quelle unverändert übernommen wurde, ist unbekannt.