Adel und Adlige bei Karl May

Aus Karl-May-Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Karl May ließ hin und wieder Adlige in seinen Texten auftreten. Einerseits brachten sie einen Hauch Glamour in die Kolportagewelt, andererseits profitierte der bürgerliche Ich-Erzähler durchaus auch von den gefüllten Geldbörsen seiner Reisebegleiter. Aber wie bei anderen Themen auch gab Karl May keine realitätsgetreue Darstellung, sondern meist ein kolportagetypisches Zerrbild mit den üblichen Vorurteilen wie adligem Standesdünkel, unbegrenztem Reichtum, Spiel- bzw. Wettsucht, aber auch Edelmut und diversen kleineren Spleens bei den englischen Lords. Um Formalia (korrekte Ansprache, Protokoll, ...) machte er sich in der Regel keine Gedanken.

Zum realen Adel

(Genaueres und Weiterführendes s. den Artikel Adel und die weiterführenden Links in der Wikipedia.)

in Deutschland

In Deutschland wurde ein Adelstitel üblicherweise der Familie verliehen (und nicht einer Einzelperson wie in Großbritannien). Es konnte also mehrere Träger desselben Titels innerhalb einer Familie geben.

in Großbritannien

allgemein

An der Spitze des britischen Hochadels (nobility) steht der König (King) oder die Königin (Queen). Es folgen - von oben nach unten - fünf erbliche Rangklassen (hereditary peerages, peer):

1. Duke (Duchess) "Herzog", Anrede: "Your Grace"
2. Marquess (Marchioness) "Marquis", Anrede: "Your Lordship/Your Ladyship"
3. Earl (Countess) "Graf", Anrede: "Your Lordship/Your Ladyship" (Count nur für ausländische Grafen, z.B. Count Metternich)
4. Viscount (Viscountess), Anrede wie Marquess und Earl
5. Baron (Baroness), Anrede wie Marquess usw. (ausländische Barone werden jedoch stets mit Baron angesprochen)

Die jeweiligen Titel werden nach dem Muster "Rang Name", wenn der Name ein Personenname ist, (z.B. Viscount Beresford), oder "Rang von Name", wenn er ein Ortsname ist, was z.B. bei allen Herzögen der Fall ist, (z.B. Duke of Marlborough), gebildet.

Der niedere Adel (gentry, lower oder lesser nobility) unterscheidet:

1. Baronet = unterste erbliche Rangstufe, Abk. Bart., Bt.
2. Knight (auf Lebenszeit), Abk. Kt.

Bt. und Kt. tragen den Titel Sir + Taufname, z.B. "Sir Henry", nie "Sir Moore".

Meistens werden Titel in der männlichen Linie vererbt, aber in manchen Fällen, vor allem bei vielen schottischen Titeln, können sie auch über die Töchter weitergegeben werden. Ein Peer kann mehrere Titel zugleich innehaben; er wird dann mit dem ranghöchsten Titel angesprochen.

Die Familienmitglieder englischer Adeliger sind keine Adeligen. Sie erhalten zwar Höflichkeitstitel (courtesy titles), bleiben aber solange Bürgerliche, bis sie selbst einen substantiellen Adelstitel (z.B. durch Erbschaft) erhalten. Hat ein Herzog, Marquis oder Earl (Söhne von Viscounts und Baronen haben dieses Vorrecht nicht) einen ältesten Sohn, erhält der Sohn den nächstniedrigeren Titel des Vaters. Hat der Sohn wiederum einen ältesten Sohn, erhält dieser Enkel den zweitniedrigeren Titel des Großvaters und immer so weiter bis alle Titel aufgebraucht sind.

Anrede

Im Gespräch werden nur Herzöge als „Herzog von N.“ bezeichnet, während die Inhaber anderer Titel unterschiedlos als „Lord bzw. Lady N.“ angesprochen werden.

"Sir" wird mit Vor- und Nachname verwendet oder nur mit Vorname, nie nur mit Nachname. Dann: Lord + Nachname (z.B. Lord Tennyson) ist die korrekte Form für den aktuellen Träger des Titels. Jüngere Brüder, die den Titel nicht erben, werden höflichkeitshalber trotzdem mit "Lord" bezeichnet, aber entweder als Lord + Vorname + Nachname identifiziert oder als Lord + Vorname. Also "Lord Randolph Churchill" oder "Lord Randolph", weil es der jüngere Bruder ist. "Lord Churchill" hingegen würde den Titelträger bezeichnen: George.

in Spanien

In Spanien gab es hohen und niederen Adel, Granden (auch Grandes) und Hidalgos genannt. Die Granden wurde in 3 Klassen aufgeteilt, von denen die erste vor dem König mit bedecktem Haupt erscheinen durfte. Zum hohen Adel gehörten auch die Titulados (Betitelte), also Duques, Marqueses, Condes, Vicecondes u. Barones. Alle Titel waren verbunden mit einem kleinen Besitz, welcher Mayorazgo (Majorat) war. Durch Verheiratung mit adeligen Frauen ging deren Titel auf den Mann über. Jeder Titulado führte das Wort Don vor dem Namen. Sehr streng hielt man in Spanien auf alten Adel. Zur Hoffähigkeit gehörte mindestens ein 400 Jahre nachweisbarer Adels-Stammbaum. Der niedere Adel Spaniens bestand aus den Hidalgos (eigentlich Hijosdalgo, d.h. Söhne von etwas), deren Zahl sehr groß war, da sich jeder für einen Hidalgo ausgeben durfte, der kein bürgerliches Gewerbe betrieb.

bei Karl May

deutsche Adlige

In Karl Mays Kolportageromanen wimmelt es von deutschen Adligen. In den abenteuerlichen Passagen ("Auf der See gefangen", "Die Juweleninsel") sind diese Adligen ebenso "normal", teilweise pseudonym unterwegs wie die bürgerlichen Helden. In den in Deutschland oder Österreich spielenden Abschnitten dagegen bildet der Adel eine eigene Kaste, wenn auch - kolportagetypisch - mitunter aus Liebe bürgerlich geheiratet wird (und der oder die Auserwählte dann doch überraschend zu einem Titel kommt). Ausdrücklich thematisiert wird der Gegensatz Adel - Bürgertum in den Berlin-Episoden des "Waldröschens". Karl May steht da üblicherweise auf Seiten des Bürgertums.

englische Adlige und deren Anrede

Bei Karl May treten allerhand englische Adlige auf, die sich - genretypisch - in den Kolportageromanen, aber auch - weniger typisch - in den Reiseerzählungen tummeln. Er nennt sie unterschiedslos "Lords", was für ihn wohl nur das Äquivalent für "Adeliger" war, da die Anrede "Lord Lindsay" nie vorkommt. Allerdings lässt er ihn auch gleich anfangs sagen: "Lindsay, David Lindsay - Titel nicht, brauche nicht - Sir Lindsay sagen".[1] Überhaupt tut sich Karl May mit der korrekten Anrede schwer: Neben den korrekten Formen "Sir David" und "Sir David Lindsay" verwendet er auch "Sir Lindsay", selbst dann, wenn Sir David von sich selber spricht. Henry Lindsay, der als Graf von Nothingwell mit "Lord Lindsay" tituliert werden müsste, wird durchgehend mit "Sir" angesprochen. Entweder wusste es May nicht besser, oder es interessierte ihn nicht sonderlich - oder er wusste es nur allzugut, hielt seine Weise aber für ein Mittel, die Schnurrigkeit der spleeny Gentleman stilistisch angemessen darzustellen.. Jedenfalls wird der Titel oder die Anrede bei (beispielsweise) Sir David Lindsay so inkonsequent eingesetzt, dass nicht klar ist, ob er überhaupt Träger eines Titels im klassischen Sinn ist - was dadurch kompensiert wird, dass er wiederholt expressis verbis als 'Lord mit immensem Vermögen' erwähnt wird.

Englische Adlige bei Karl May sind:

schottische Adlige

In "Der Schatz im Silbersee" erscheint ein Lord Castlepool, der die typischen Attribute von Mays englischen Adligen trägt, aber aus Schottland stammt. Merkwürdigerweise (oder folglich?) stimmt hier die protokollarische Anrede.

spanische Adlige

Im Roman "Waldröschen" steht das Schicksal der spanischen Grafenfamilie Rodriganda im Mittelpunkt.

Auch der Herzog von Olsunna spielt eine Rolle. Seine Tochter Flora war Erbin des Herzogstitels, solange kein männlicher Erbe (egal ob älter oder jünger) auf den Plan trat. Im Laufe der Geschichte wird klar, dass der Hauptprotagonist Karl Sternau, der Rosa de Rodriganda geheiratet und den Herzog von einer falsch diagnostizierten Krankheit geheilt hat, auch dessen Sohn ist.

Graf Embarez ist ein mexikanischer oder in Mexiko lebender spanischer Adliger. Nachdem der als Graf Alfonzo untergeschobene Cortejo-Bastard seine Braut beleidigt hat, nimmt er eine Forderung auf Degen an und flieht feige. Don Ferdinando tritt als vermeintlicher Vater für ihn ein und erhält eine nicht ungefährliche Veletzung.

Gräfin Montala teilt nach einer Phantasia in Mexiko die Preise aus, sie ist die schönste Wittwe des ganzen Landes.

Muhamêl Latréaumont

Muhamêl Latréaumont heißt der Ich-Erzähler der kurzen Geschichte "Tui Fanua". Es ist unklar, welcher Nation dieser Mann angehören soll, gibt er doch an, trotz französisch klingenden Namens Deutscher zu sein. Allerdings verfügt er über einen amerikanischen Pass und wird als "'Sir Latréaumont" angesprochen, was wiederum auf einen Briten deuten würde, der falsch tituliert wird.

Andere Länder:

"Die Liebe des Ulanen." ist untertitelt mit: "Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges." Der Ulan ist deutsch. Da kann es sich bei seiner Liebe nur um eine Deutsche oder um eine Französin – und bei seinen Gegnern allemal nur um Franzosen handeln. Und es wäre bei Karl May seltsam, wenn nicht auch noch französische Freunde dazu kämen. Der Roman führt von den Befreiungskriegen über drei Generationen nach Versailles. Folglich ist des Ulanen Großvater Lieutenant bei den Ziethenhusaren. Und folglich müssen auch seine Gegner zumindest teilweise Adlige sein – so wie die des Enkels. Teilweise, das heißt, der Rest rekrutiert sich aus der Gosse: Verbrechen kennt keine Standesschranken. Und so höflich, hochachtungsvoll und korrekt die Freunde angesprochen werden, so korrekt verächtlich die Feinde.

"Deutsche Herzen, deutsche Helden" erschien in 109 Fortsetzungen, der Hauptprotagonist ist offenbar unter anderem ein hochrangiger Diplomat, man darf den Adel vermuten, ehe man im Schlussteil definitiv erfährt, dass es sich um den Bruder des regierenden Herzogs handelt. Da darf das Zusammentreffen mit anderen Adligen nicht wundern: Seine Braut lernt er auf einer Mission im Harem der Hohen Pforte kennen, wo sie zu Gast ist, während er bei einer Prinzessin den Brautwerder machen soll für den Vizekönig in Ägypten. Das Mädchen ist die Tochter einer deutschen Ärztin und eines indischen Maharadschas. Und einer der Gegenspieler ist russischer Graf. Hier dient der Adel einfach zur Machtausübung.

"Der Weg zum Glück" schließlich erzählt "Höchst interessante Begebenheiten aus dem Leben und Wirken des Königs Ludwig II. von Baiern" wie es im Untertitel heißt. Da kann es bei aller Anonymität seiner Mayestät garnicht ausbleiben, dass auch Adlige mitspielen - als zu belohnende Gute oder als zu bestrafende Böse ("mit der ganzen Härte des Gesetzes!").

Seine wohl persöhnlichste Erklärung zur Stellung Adliger und zum Verhältnis zwischen ihnen und Nichtadligen gibt May im Waldröschen ab, wo er den bürgerlichen Curt, zu des Adels Nobelghetto, den Gardehusaren, versetzt, auf Seite 1221 der Erstausgabe sagen lässt: "Ich achte die Vorrechte des Adels; sie sind durch die Jahrhunderte geheiligt, aber ich trete der Anschauung entgegen, welche den Adel als qualitativ über dem Bürgerthume stehend erklärt. Der Werth des Menschen ist gleich seinem moralischen Gewichte." Diese Einstellung gibt ihm dann auch das Recht, den Adel in all seinen Facetten und Funktionen zu zeigen, das Gute zu loben, das Schlechte anzuprangern und über das Lächerliche zu lachen.

Anmerkungen

  1. Karl May: Giölgeda padiśhanün. Deutscher Hausschatz, 1881, S. 488A; Durch die Wüste. Hausschatz-Fassung, S. 87A.

Weblinks