Ade! (Schacht und Hütte)

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Ade! ist ein frühes Gedicht von Karl May.

Text

in Schacht und Hütte./Das Buch der Liebe.

                         Ade!
Ich sah der Sonne letzten Gruß
  Um dunk'le Wolken sprüh'n
Und zitternd unter ihrem Kuß
  Den Waldessaum erglüh'n.
    Du süße Hoffnung, reich an Glück,
    Das sich mit liebeswarmen Blick
Aus dunk'lem Auge zu mir stahl,
Du warst mein einz'ger Sonnenstahl.
Nun ist es Nacht; der Himmel weint.
  Kein Stern, der tröstend mir erscheint.
Wild heult der Sturm; dumpf braust das Meer
  Und von den Zweigen tropft es schwer.
    Müd' senkt die Wimper sich zur Ruh
    Und deckt das feuchte Auge zu.
Ade, Ade viel tausend Mal,
Du lieber, lieber Sonnenstrahl!
                                          Karl May.[1]

in Der Giftheiner.

"Ich sah der Sonne letzten Strahl
  Um dunkle Wolken sprüh'n
Und unter Küssen ohne Zahl
  Die Tanne hell erglüh'n.
Ich sah den lieben Tannenbaum
  Im gold'nen Morgenlicht,
Sie kam zurück; es war kein Traum,
  Und dennoch war sie's nicht.
Es war ihr Bild, nein, nicht ihr Bild,
  Sie selbst war's, doch verklärt
Und nun ist aller Schmerz gestillt,
  Der, ach, so lang gewährt."[2]

Textgeschichte

in Schacht und Hütte.

Das Gedicht erschien erstmals im Oktober 1875 in der Rubrik Allerlei der von Karl May redigierten Zeitschrift Schacht und Hütte, Nr. 5, S. 39.

in Das Buch der Liebe.

In seinem Frühwerk Das Buch der Liebe (1876) zitierte er neben zahlreichen fremden Gedichten auch viele eigene. Die angegebenen Strophen werden hier in der Dritte[n] Abtheilung im Kapitel Liebe und Socialisation wie folgt eingeleitet:

Die Erde, die Welt ist dem Jünglinge mit einem Male zu klein geworden, alle Hindernisse verlieren an Größe, Breite und drohender Gewalt, kein Raum ist zu weit, keine Anstrengung zu groß, keine Last zu schwer, keine Entsagung zu drückend, kein Ziel zu hoch; vor seinem Muthe ebnen sich die Berge, heben sich die Abgründe, überbrücken sich die Thäler, senken sich die Felsen; es schwindet die Menschenfurcht, es stärkt sich das Selbstvertrauen, es erweitert sich der geistige Horizont, es stählt sich die Kraft – aber Eins muß der Fall sein, Eins muß er können und dürfen: seinen Blick senken in ein freundlich Auge, in ein sympathisches Angesicht, einen Arm fühlen um seinen Nacken und ein Wort hören aus zärtlichem Munde. Seine Sonne muß ihm leuchten, jene Sonne, ohne deren Strahl er nicht leben kann und die ganze herrliche Blüthenpracht seines Innern verwelkt und verdorrte wie der Wiesenflor unter dem erkältenden Wehen des Nordwindes. Darum auch ist sein Muth, die Spannkraft seines Geistes und der Glaube an den Erfolg dahin, sobald seine Sonne erlischt und sich das Auge schließt, aus welchem er geistige Nahrung gesogen:[3]

in Der Giftheiner.

In Karl Mays Dorfgeschichte Der Giftheiner (1879) ist das Gedicht ebenfalls zu finden, allerdings in stark variierter Form und ohne Titel. Es ist hier eines der Gedichte von Heinrich Silbermann, die Alma Smirnoff ihm weggenommen hatte und nun zusammen mit ihrer Mutter liest:

Sie nahm die Schrift aus ihrem Verwahrsam und schlug die Blätter auseinander. Ihre feinen, leidenden Züge bekamen Leben, ihre Augen, erst so matt, begannen zu glänzen, und von Blatt zu Blatt rötheten sich ihre Wangen mehr und mehr. Sie traf auf viel, auf sehr viel Bekanntes, und allemal war es ein inniges, glückliches Lächeln, mit welchem sie es begrüßte. Sie las selbst und laut; Alma hörte mit nicht geringerer Theilnahme zu; sie fühlte nicht, daß jedes auf die unglückliche Liebe des Dichters bezügliche Wort ihr Herz mit leisem Stachel traf, und als die letzte Zeile verklungen war, umarmte sie die Mutter innig und flüsterte tiefathmend:
"Er muß Dich sehr, sehr lieb gehabt haben!"
"Ja!" entfuhr es langsam ihren Lippen. "Und diese Liebe habe ich mit schwarzem Undank belohnt!"
"Aber auch dafür gelitten, Mama! Der elende Glanz des Bühnenlebens, der böse Papa mit – – –"
"Er ist todt, Alma, und Du hast ihn nie gekannt; er war Aristokrat und Millionär und konnte es mir später nie verzeihen, daß er mir im Rausche der Jugend die Rechte der Frau eingeräumt hätte. Laß ihn ruhen. Es ist kein Wunder, daß das Andenken an Heiner nie verlöschen konnte, sondern vielmehr diesen mir in immer hellerem, edlerem Glanze zeigte."
"Er wird Dir vergeben und Dich wieder lieben, Mama!"
Es war ein stilles, ergebungsvolles, beinahe trauriges Lächeln, mit dem die Mutter antwortete.
"Ich denke an kein Opfer, das er mir bringen müßte!"
Sie spielte mit einem Blatte, welches zwischen der letzten Seite und dem Einbande des Manuskriptes gelegen hatte. Es umwendend, bemerkte sie, daß es beschrieben sei. Sie las und gab es dann mit einem unbeschreiblichen Blicke der Tochter hin.
"Ein Opfer?" hatte diese gefragt.
"Ja, ein Opfer. Lies selbst!"
Das Mädchen sah die wenigen Zeilen, und tiefe Gluth bedeckte ihr Gesicht bis zum Nacken herab. Sie las:
  "Ich sah der Sonne letzten Strahl [...]
Sie sagte nichts; aber als die Mutter ihre Arme um sie legte, da drückte sie das Köpfchen fest an den treuen, entsagungsfreudigen Busen und in ihren Wimpern glänzte ein großer, heller Thränentropfen.
"Alma, er wird mir verzeihen und glücklich sein!"[4]

aktuelle Ausgaben

Aktuelle Ausgaben der weiterhin genannten Werke sind in der Bücherdatenbank zu finden:

Anmerkungen

  1. Schacht und Hütte, S. 39.
  2. Karl May: Der Giftheiner. In: Karl Mays Werke, S. 2688 f. (vgl. KMW-I.3-99:48, S. 765).
  3. Karl May: Das Buch der Liebe. In: Karl Mays Werke, S. 868 f. (vgl. KMW-I.1.A-32, S. 290 f.).
  4. Karl May: Der Giftheiner. In: Karl Mays Werke, S. 2687–2689 (vgl. KMW-I.3-99:48, S. 765).

Weblinks